Wenn ich irgendwo erzähle, dass ich alle meine Reisen mit dem Zug unternehme, werde ich mitunter mitleidig angeschaut. Zugreisen, das ist doch schrecklich kompliziert. Viel zu teuer. Und überhaupt: Verpasst man da nicht ganz viel?

Ein bisschen verrückt sind wir Zugreisenden ja schon. Wenn wir nach Lissabon fahren oder an den Rand der Arktis, sind wir Tage unterwegs. Wir kämpfen uns durch ein Dickicht aus Anbietern, Tickets und Tarifen. Verspätungen und Ausfälle durchkreuzen unsere Pläne. Und doch steigen wir immer wieder ein.

Was also ist dran an diesem Zugreisen, warum lieben wir es so? Dem möchte ich zum Start ins Reisejahr ein wenig nachspüren.

Fenster zur Welt

Jede Zugreise beginnt mit einem Versprechen. Wir begeben uns in ihre Hand, dafür zeigt uns die Eisenbahn die Welt. Die Schienen führen uns über Berge, durch Täler und bis ans Meer. Wir sitzen am Fenster und staunen. Kein Verkehr, auf den wir achten müssen, keine Wolken, die den Blick versperren.

Wir eilen nicht zum nächsten Ziel, sondern sind unterwegs. Zeit, mal wieder den eigenen Gedanken nachzuhängen. Offline zu sein. Zu träumen. In einer Welt, in der stets alles um unsere Aufmerksamkeit buhlt, ist das der wahre Luxus.

Mit dem Zug unterwegs zu sein heißt, den Raum zwischen den Orten wahrzunehmen. Zu sehen, wie sich die Landschaft verändert. Einen Zwischenstopp einzulegen. Vielleicht im Speisewagen schon von der heimischen Küche zu kosten. Die ersten Worte einer neuen Sprache aufzuschnappen.

Wenn wir dann ankommen, haben wir schon eine gute Idee von dem Land und der Region, die wir bereisen möchten. Wir haben keine Zeit vertan, sondern gewonnen: Eindrücke, Erfahrungen, Erlebnisse.

Eisenbahn-Romantik

Es sind oft besondere Orte, zu denen uns die Schienen führen. Orte, die wir sonst vielleicht übersehen hätten. Die manchmal die Eisenbahn überhaupt erst geschaffen hat.

Das kann eine kleine Station in den Bergen sein, so abgelegen, dass man sie nur mit dem Zug erreicht. Ein Bahnsteig, auf dem wir beim Kaffee sitzen, während um uns herum das Leben flirrt. Eine Pension direkt am Bahnhof, wo schon das Frühstück auf uns wartet, wenn wir morgens aus dem Nachtzug steigen.

Natürlich wollen wir auch Paris, London oder Rom einmal sehen, und auch zu ihnen bringt uns der Zug. Aber oft sind es die Orte dazwischen, die kleinen und leisen, in die wir ganz ohne Erwartungen kommen, die den größten Eindruck hinterlassen.

Wenn wir dann am Gang stehen, den Kopf in den Wind halten, fühlen wir uns frei.

Klapprige Triebwagen und Telegrafenmasten. Ein Schnitzel, das auf der Schiene geklopft wird. Und natürlich Nachtzüge. Es sind diese letzten Flecken Reiseromantik, die unser Herz erfüllen.

Unser Kopf sagt: Es gibt gute Gründe, etwa in den Nachtzug zu steigen. Man nutzt die tote Zeit, man kommt morgens einigermaßen ausgeschlafen an. Aber wenn wir ehrlich sind, ist es doch diese ganz besondere Atmosphäre, die uns immer wieder in den Schlafwagen treibt. Das Rollen durch die Nacht, der Sternenhimmel, das Aufwachen in einer anderen Welt.

Zugreisen, das ist für uns Abenteuer. Wir wissen, in welchen Wagen sich noch die Fenster öffnen lassen. Wenn wir dann am Gang stehen, den Kopf in den Wind halten, fühlen wir uns frei.

Europa auf Schienen

Wir müssen nur zur richtigen Zeit am Bahnhof sein, für den Rest ist gesorgt. Maut, Sprit und alberne Gepäckregeln brauchen uns nicht zu interessieren. Und wenn mal ein Zug ausfällt, wissen wir: Der nächste kommt schon bald. Jedenfalls meistens.

Interrail ist die Eintrittskarte, das Schienennetz unser Möglichkeitsraum. Er ist groß, aber nicht zu groß. Wenn wir die Pyrenäen überqueren wollen, haben wir drei, vier Routen zur Auswahl, nicht hundert. Wir beginnen zu knobeln und zu träumen. Welche Strecke könnte die schönste sein? Und wo die Schienen enden, führen uns Busse und Fähren weiter.

Was wir über Europa wissen, wissen wir durch die Eisenbahn. Zweihundert Jahre Geschichte. Alte und neue Grenzen. Landschaften, Regionen, Sprachen. Und wo genau liegt noch mal Slowenien? All das hätten wir – wortwörtlich – wohl nie erfahren, hätten wir uns nicht aufgemacht, Europa mit dem Zug zu erkunden.

Das schönste Geschenk, das wir einander machen können, ist, sich füreinander zu interessieren. Besuchen wir also unsere Nachbarn und deren Nachbarn. Schauen wir uns ihre Städte und Dörfer an, ihre Kirchen und Museen.

Am besten geht das, da bin ich mir sicher, mit dem Zug. Davon möchte ich auch in diesem Jahr in der Zugpost erzählen.

Schön, dass ihr mit an Bord seid!