Der Kopfbahnhof ist in schummriges Licht getaucht. Am Bahnsteig eine schwarze Lok, dahinter eine lange Schlange kantiger Wagen, die meisten ebenfalls pechschwarz. Hin und wieder huscht eine Gestalt vorbei und scheint vom Zug verschluckt zu werden. Dann rollt er hinaus in die Nacht. Lautlos und kaum bemerkt, als wäre er nie da gewesen.
Sizilien, die Côte d’Azur, der Orient-Express – wenn wir ans Reisen mit dem Nachtzug denken, kommen uns Traumziele und legendäre Strecken in den Sinn. Nachtzüge, die Geschichten erzählen, Fernweh wecken.
Heute will ich euch von einem anderen Nachtzug erzählen. Keine legendäre Reise, keine besonders lange. Ein Zug, der so im Fahrplan versteckt ist, dass viele von ihm noch nie gehört haben.
Der Nachtzug von Malmö nach Stockholm.
Okay, ein bisschen besonders ist er ja schon, immerhin trägt er die Zugnummern 1 und 2. Als jemand Schwedens Züge durchgezählt hat, muss ihm dieser Hüpfer durch den Süden als Erstes eingefallen sein.
Zwischen Malmö und Stockholm liegen rund 600 Kilometer. Mit dem silbernen Schnellzug X2000, der dort tagsüber unterwegs ist, lässt sich das in unter fünf Stunden bewerkstelligen. Wer einen Fensterplatz ergattert, kann dabei ganz in den Wäldern und Seen Südschwedens versinken.
Warum also verschlafen?
Nun, fünf Stunden sind fünf Stunden, auch die muss man erst mal haben. Und die Fahrzeiten sind perfekt für alle, die noch weiter müssen oder schon eine längere Anfahrt hinter sich haben.

So bin auch ich auf diesen Zug gestoßen. Im Gegensatz zu den direkten Nachtzügen, die seit einigen Jahren wieder zwischen Deutschland und Schweden verkehren, passen seine Fahrzeiten zu den Finnland-Fähren. Abends fährt er spät genug in Stockholm ab, dass ich mich nach einem Bummel durch die Altstadt entspannt ins Schlafwagenbett fallen lassen kann. Und auf der Rückfahrt kommt er so früh an, dass ich – zugegeben, nicht ganz ausgeschlafen – morgens rechtzeitig am Fährterminal stehe.
Nein, dies ist kein Zug für die große Fahrt, auf der man nach dem Aufwachen noch gemütlich durch die Landschaft gondelt. Und auch nicht für Familien, dazu fährt er viel zu spät ab. Es sind routinierte Reisende, die einsteigen. Leute, die tagsüber in der einen Stadt zu tun hatten und abends noch zurück in die andere wollen.
So geht es auch auf dem Bahnsteig zu. Ein Piep, das Ticket gescannt. Vielleicht noch ein kurzer Blick: „Du weißt Bescheid?“ Die meisten wissen Bescheid und verschwinden direkt ins Abteil. An Bord keine Kontrolle mehr, kein Schnickschnack.

Das Besondere: Der Zug besteht fast nur aus 1.-Klasse-Schlafwagen. Und davon so viele, dass man meistens auch kurz vor Abfahrt noch ein Ticket bekommt. Man hat ein Abteil für sich, mit eigenem Bad. Dazu bequeme Betten und ein Tischchen aus Holz. Ganz taufrisch sind die Wagen nicht mehr, aber alles funktioniert, die Dusche ist warm.
Frisch geduscht kann man dann unter die Decke schlüpfen und sich in den Schlaf wiegen lassen, während draußen die Lichter der Vorstadt oder das weite Skåne vorbeiziehen.
Die Nacht ist kurz, gegen 6 Uhr schon wieder vorbei. Doch wie zur Entschuldigung hat dieser Zug noch ein Ass im Ärmel: Weil er als einziger Nachtzug in Schweden keinen Speisewagen führt, kann man sich in einem Hotel in Stockholm oder Malmö am Frühstücksbuffet sattessen. Alles inklusive, versteht sich. Wer dafür keine Zeit hat, bekommt in der Lounge am Bahnhof immerhin Kaffee und ein paar Scheiben Knäckebrot.
Inzwischen bin auch ich einer dieser routinierten Reisenden, die spätabends über den Bahnsteig huschen. Einmal war ich knauserig und hatte nur einen Platz im normalen Schlafwagen gebucht, wo man das Abteil teilt. Da ich aber der Einzige war, ließ man den Wagen prompt zu Hause – und ich durfte ohne Aufpreis doch ins gemütliche 1.-Klasse-Abteil.

Einmal hatte ich mein treues, aber schweres Rennrad dabei. In einer Transporttasche verpackt hatte ich es schon durch halb Europa geschleppt. Mit letzter Kraft hievte ich es die Treppen zum Schlafwagen hinauf und bugsierte es irgendwie ins Abteil. Selten habe ich so gut im Nachtzug geschlafen.
Und einmal – auch das gehört zur Wahrheit – war der Nachtzug in Malmö so heillos verspätet, dass er mir meinen ganzen Reiseplan in den Süden zerschossen hat. Der Übergang von und zur Fähre in Stockholm hat aber bisher immer geklappt. Toi, toi, toi.
Anfangs nur Mittel zum Zweck, ist mir dieser Nachtzug, den kaum einer kennt, ans Herz gewachsen. Er ist nicht nur mein am häufigsten genutzter, sondern auch ein bisschen mein heimlicher Liebling. Keine legendäre Reise, keine besonders lange. Vielleicht gerade deshalb.
Praktische Tipps
Fahrplan
Der Nachtzug von Malmö nach Stockholm wird von der schwedischen Bahn SJ betrieben und verkehrt täglich außer samstags. Er verlässt Malmö um 22.17 Uhr und erreicht Stockholm am nächsten Morgen um 6.00 Uhr. In der Gegenrichtung ist die Abfahrt in Stockholm um 23.17 Uhr und die Ankunft in Malmö um 6.59 Uhr. Wegen Bauarbeiten und Umleitungen weichen die Fahrzeiten oft ab.
Komfort
Neben den äußerst komfortablen 1.-Klasse-Schlafwagen gibt es auch einen Schlafwagen der 2. Klasse sowie einen Liegewagen. Hotelfrühstück und Lounge-Zugang gibt es nur in der 1. Klasse.
Tickets
Tickets gibt es online auf sj.se. Besonders günstig ist die Fahrt mit Interrail. Hier zahlt ihr für das Einzelabteil mit Dusche inklusive Frühstück nur einen Aufpreis von umgerechnet gut 70 Euro. Und das völlig flexibel: Die Buchung lässt sich bis zur Abfahrt kostenlos stornieren.
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