Eins, zwei, drei, … Die Kapelle setzt zu einem wehmütigen Tango an. Die Abendsonne fällt durch die großen Fenster am Bug hinein und lässt die Gläser goldgelb leuchten. Wir haben zwar gerade erst den Hafen von Stockholm verlassen, aber: Hier beginnt Finnland.
Zugreisen hieß für mich lange genau das. Mit dem Zug reisen. Sonst nichts. Im Herzen Europas, wo die Strecken dicht sind und alle wichtigen Hindernisse überwunden, klappt das gut.
Wagt man sich jedoch weiter hinaus, hören die Schienen manchmal auf. Weil es sich nicht mehr gelohnt hat, sie weiterzutreiben.
Oder: Weil sie ans Meer stoßen.
Hand in Hand
Vor dem Meer mussten die Baumeister lange kapitulieren. Zu weit, zu tief, zu ungestüm. Schienen darüber oder darunter zu legen – undenkbar. Schiffe kamen zur Hilfe, um diese Lücken zu füllen. Genauer gesagt: Fähren.
Das war schon bei Beginn des internationalen Eisenbahnverkehrs so. Die Reisenden des ersten Orient-Express mussten noch ein Stück mit der Donaufähre fahren und dann auf einem Dampfer über das Schwarze Meer übersetzen – die Bahnstrecke durch Serbien war noch nicht fertig.

Züge und Fähren wurden lange zusammen gedacht. Schlug man ein Kursbuch auf, waren Fährüberfahrten ganz selbstverständlicher Teil von Reisketten. Doch nach und nach wurden die Lücken verfüllt. Ein Damm nach Rügen. Eine Brücke nach Fehmarn.
Aber das ist nichts gegen die Bauten, die Europas Landkarte in den letzten Jahrzehnten für immer veränderten. Gigantische Brücken und Tunnel füllen seitdem den Ärmelkanal, den Großen Belt, den Öresund. In Malmö wohnen und in Kopenhagen zur Arbeit? In zwei Stunden von London nach Paris? Man vergisst leicht, wie großartig das eigentlich ist.
Und doch: Fähren haben weiter ihren Platz. Etwa nach Finnland, das praktisch gesehen eine Insel ist. So beginnt und endet für mich seit einigen Jahren jede Reise auf dem Meer. Mit einer Fahrt auf der Schwedenfähre, wie sie auf unserer Seite der Ostsee heißen.
Fähren verbinden
Als ich das erste Mal auf einer solchen Fähre war, war ich, gelinde gesagt, irritiert. Kein Verkehrsmittel schien mir das zu sein, sondern ein reiner Vergnügungsdampfer. Shopping, Spa – und an der Bar war der Abend für manche schon weit fortgeschritten.
Erst nach und nach habe ich verstanden: Die Fähren, die unermüdlich durch die Ostsee pflügen, bündeln ganz unterschiedliche Bedürfnisse des Reisens. Der Trucker auf Fernfahrt. Die Familie mit vollgepacktem Auto. Mini-Kreuzfahrer, die überhaupt nicht vorhaben, am anderen Ufer auszusteigen. An Deck kommen sie alle zusammen.
Während draußen die Schären vorbeiziehen, treffen Finnen auf Schweden und Schweden auf Finnen. Für manche ist es überhaupt das erste Mal. Man beschnuppert sich, singt zusammen Karaoke – oder geht sich aus dem Weg.

Die Fähren sind ein Zwischenraum. Nicht mehr Schweden, noch nicht ganz Finnland. Man kann seinen Kaffee auf beiden Sprachen bestellen. Wobei das Personal meist ohnehin schon Bescheid weiß. Die Mitarbeiter an Bord sind extrem gut darin, an kleinen Hinweisen zu erkennen, wer Finnisch und wer Schwedisch spricht.
Es gibt Leute, die träumen von einer riesigen Brücke über die Ostsee. Es würde etwas verloren gehen. Diese Zwischenwelten, ein Stück erzwungene Entschleunigung, ein Gegenentwurf zu den schnellen Zügen, mit denen wir sonst durch Europa hetzen.
Besondere Schiffe
Die Fähre ist ein besonderes Schiff. Sie fährt nach Fahrplan, und jeder kann sich ein Ticket kaufen. Es gibt Abteile, die hier Kojen oder Kabinen heißen. Einen Unterschied zur Bahn gibt es aber doch: Fähren sind fast immer pünktlich. Auch als die Pandemie die Welt aus dem Takt brachte, fuhren die Finnlandfähren Tag für Tag wie ein Uhrwerk.
Die Fährschiffe selbst haben oft Geschichten zu erzählen. Etwa die Amorella, in deren Panoramacafé abends der finnische Tango getanzt wurde. Von Jugoslawien kam sie in den Liniendienst zwischen Stockholm und Turku. Einmal musste sie sogar aus dem Packeis befreit werden.
Inzwischen ist sie in wärmeren Gewässern unterwegs. Eine korsische Reederei übernahm das Schiff, als es den Finnen nicht mehr modern genug erschien. Ihre Nachfolgerin ist gold und türkis. Statt Tanzmusik stehen heute Fine Dining und Wellness auf dem Programm.

Die Zeiten ändern sich, und mit ihnen die Fähren. Oft gibt es keine Gangways mehr, so dass man mit einem Kleinbus in den Bauch des Schiffes gebracht wird. Manche Fähren nehmen gar keine Fußpassagiere mehr mit. Und mitunter liegt der Hafen weit außerhalb der Stadt.
Und trotzdem: Wenn wir morgens in den Oslofjord einlaufen oder im letzten Tageslicht die Öresundbrücke unterqueren, sind diese Strapazen schnell vergessen. Momente, die uns der Zug so nicht geboten hätte.
Ein letzter Trajekt
Manchmal wird die Fähre selbst zur Eisenbahn. Der Zug wird dann zerlegt und Wagen für Wagen auf das Schiff verladen. Türen schließen, Leinen los. Ein solcher Trajekt, wie es in der Eisenbahnsprache heißt, ist selten geworden. Im westlichen Europa gibt es ihn nur noch auf dem Weg nach Sizilien.
Es ist nur ein schmaler Streifen Wasser, der Sizilien vom italienischen Festland trennt. Aber weil die Straße von Messina so tief ist und die See so unberechenbar, hat sich noch niemand getraut, eine Brücke zu bauen. So werden Tag für Tag knapp ein Dutzend Züge verschifft, darunter die legendären Nachtzüge aus Mailand und Rom.

Die tatsächlichen Inseln bleiben die große Bastion des Fährverkehrs. Sardinien, Korsika und selbst Mallorca lassen sich bis heute ganz selbstverständlich mit der Fähre erreichen. Für die griechischen Inseln in der Ägäis gibt es sogar einen eigenen Interrail-Pass.
Auch die Britischen Inseln gehören dazu. Der Eurotunnel machte die Eisenbahnfähren nach England zwar überflüssig, Irland aber lässt sich weiterhin nur auf dem Seeweg erreichen. Und eine Reise nach Schottland – ohne einen Hüpfer auf die Hebriden wäre sie nur halb so schön.
Und wer auf große Fahrt gehen will: Einmal pro Woche sticht vom dänischen Hirtshals aus die Fähre nach Island in See. Zwei Tage Nordatlantik, Seefestigkeit vorausgesetzt.
Zuhause auf See
Auch wenn es immer wieder waghalsige Ideen gibt, die letzten Lücken Europas zu schließen: Fähren werden uns noch eine Weile erhalten bleiben. Und sie verändern sich weiter. Werden leiser, sauberer, moderner. Eine Reederei verspricht, dass es in einigen Jahren möglich sein soll, die Ostsee vollelektrisch zu überqueren.

Für mich sind Fähren zu einem zweiten Zuhause geworden. Erst notgedrungen, inzwischen gehe ich ganz gerne an Bord. Und wenn ich ehrlich bin: Auf dem Meer schlafe ich besser als im Nachtzug. Wenn nicht gerade Sturm ist.
Ich versuche immer wieder, eine Fähre in meinen Reiseplan einzubauen. Dabei ist mir aufgefallen, dass die Informationen aus Sicht von uns Zugreisenden oft schwer zu finden sind. Kann man überhaupt ohne Auto an Bord gehen? Und wie kommt man mit Bus und Bahn zum Terminal? Fragen, die man sich häufig mühsam zusammensuchen muss.
Darum habe ich begonnen, das einmal zu bündeln und eine Reihe über Europas Fährrouten gestartet. Ein erster Guide über Skandinavien und den Ostseeraum ist nun online. Weitere sollen folgen.

Vielleicht bekommt ihr ja Lust, auch einmal an Bord zu gehen. Für ein paar Stunden oder einen Tag in diese eigene, kleine Welt abzutauchen. Aufs Wasser zu blicken und den Möwen nachzuschauen.
Das Meer trennt. Fähren verbinden.
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