Als Erstes ist da die Farbe. Nach einer Woche Spanien, wo die Züge weiß und auch sonst eher trist sind, springt mir das Knallgelb des Triebwagens ins Auge. Und dann: Ich kann einfach so einsteigen. Niemand will mein Gepäck durchleuchten, ich muss durch keine Sicherheitsschleuse.
Nachdem ich mich mit den Schmalspurbahnen Nordspaniens vom Baskenland bis nach Galicien durchgeschlagen habe, bin ich in Vigo gelandet. Mein nächstes Ziel ist Andalusien. Dazwischen liegt: Portugal.
Ich war noch nie in Portugal. Da ist nur diese vage Vorstellung, dass mir das Land liegen könnte. Warum also nicht statt über Madrid in den Süden zu hetzen einen kleinen Abstecher machen und das Land einmal der Länge nach von Nord nach Süd durchqueren?
Ich gebe mir drei Tage.

Vigo nach Porto
Guixar ist der kleinere der beiden Bahnhöfe von Vigo. Es ist überhaupt nur einer von zwei spanischen Orten, von denen Zugverbindungen nach Portugal ausgehen. Der andere ist Badajoz im Südwesten. Unfassbar eigentlich, wo Portugal doch nur von Spanien und dem Atlantik umschlossen ist.
Der Zug trägt den Namen Celta, ein Verweis auf die keltische Geschichte auf beiden Seiten der Grenze. Es ist ein einfacher Dieseltriebwagen, ohne 1. Klasse oder Bistro.

Knapp zweieinhalb Stunden dauert die Fahrt nach Porto. Zwei Verbindungen am Tag gibt es, eine morgens, eine abends. Mein erster Eindruck von der portugiesischen Bahn ist: entspannt. Ich lasse mich in den weichen Sitz sinken, der Wagen ist praktisch leer.
Wir nehmen die alte Strecke, die am Meeresarm noch eine Runde durch den letzten Zipfel Spaniens dreht. Nach einer halben Stunde überqueren wir den Grenzfluss Minho, nach dem die Bahnlinie benannt ist. Außer der Uhrumstellung ist von der ältesten und längsten Grenze zwischen zwei europäischen Staaten nichts zu spüren.
Valença ist der erste Halt auf portugiesischer Seite. Eine spitze Bahnsteighalle, Kacheln, grüne Türen. Das wirkt anders als viele spanische Bahnhöfe. Filigraner, vielschichtiger.

Die Strecke ist schöner, als ich es erwartet hatte. Es geht lange am Minho entlang, dann blitzt der Ozean vor dem Fenster auf. Es ist das Ende der Welt. Unserer Welt. Dahinter liegt New York.
Auf einer Gitterbrücke von Gustave Eiffel geht es über den Lima, dann knickt das Gleis ins Binnenland ab. Es folgt einer alten Pilgerroute nach Santiago de Compostela. Nur dass ich in der anderen Richtung unterwegs bin, mein Schienenpilgern liegt ja schon hinter mir.

Ankunft in Porto
Wir erreichen Porto am Bahnhof Campanhã. Es ist ein kalter Betonbahnsteig, auf dem ich zum ersten Mal portugiesischen Boden betrete. Das Bahnhofsgebäude mit seiner Fassade aus dem 19. Jahrhundert und der großen Uhr wirkt dagegen freundlich.
Ich laufe ein wenig ziellos durch das Gewusel. Die ersten Schritte in einem neuen Land sind spannend, aber auch immer etwas überfordernd. Dann nehme ich den nächsten Zug zum Bahnhof São Bento im Herzen der Stadt. Ein Ticket zu einem der beiden Bahnhöfe von Porto gilt auch für den Transfer zum anderen.

São Bento ist einer dieser Orte, an denen nicht nur Eisenbahnfans ihr Handy zücken. Die großen Wandbilder, die Azulejos, aus blau bemalten Keramikfliesen gehören zu den bekanntesten Motiven der Stadt. Hier kann man ungeniert stehen bleiben, schauen, fotografieren.
In einem Seitenflügel haben sie einen Food Court eingerichtet. Es gibt internationale Küche, aber auch frischen Fisch, Muscheln und was man sonst so in Portugal erwartet. Für ein Mittagessen ist es noch zu früh. Ich nehme einen Kaffee und meine erste Pastel de Nata.
Zwei Nächte bleibe ich in Porto. Ich komme in einem ehrwürdigen Hotel unter, wo es noch mehr blau bemalte Fliesen gibt und man beim Hinausgehen den Schlüssel an der Rezeption abgibt.
Über dem Douro
Porto ist berühmt für seine Brücken. Porto ist seine Brücken. Weil sich der Douro so tief in die Landschaft geschnitten hat, sind sie auch ein wenig einschüchternd. Ich gehe in schwindelerregender Höhe einen schmalen Fußgängerstreifen entlang und denke kurz, hoffentlich nehmen sie es mit den Bauvorschriften genau. Hinterher ärgere ich mich darüber.

Unter mir zieht ein zusammengewürfelter Zug am Ufer entlang. Eine kleine Diesellok, ein paar bunte Wagen. Er wird gleich die Linha do Douro entlangfahren, Portugals bekannteste Nebenbahn. Ich habe überlegt, sie auch noch mitzunehmen, aber es hätte meinen Zeitplan endgültig gesprengt.
An einen dieser Schriftzüge, wo man ein Selfie machen soll, hat jemand „Tod der Touristifizierung“ gekritzelt. Der Ruf von Portos Gässchen und bunten Häusern hat sich herumgesprochen, im Sommer gibt es manchmal kaum ein Durchkommen. An diesen Märztagen ist es noch erträglich.
Der Ruf von Portos Gässchen und bunten Häusern hat sich herumgesprochen.
Das Wetter will nicht ganz so mitspielen, wie ich es mir ausgemalt hatte. Immer wieder hindern dicke Wolken die Sonne daran, ihr Licht in das Tal des Douro zu werfen. Ich spaziere hinaus zur Mündung, den Foz. Das Meer ist aufgewühlt, Wellen schlagen mit roher Kraft gegen die Kaimauer. Der Leuchtturm, den ich gerne angesehen hätte, ist abgesperrt.

Als ich beim Rückweg beim Kaffee sitze, rumpelt die alte Straßenbahn vor dem Fenster vorbei. Drinnen harte Holzbänke, draußen Werbung für eine arabische Airline. Ich kaufe ein – für portugiesische Verhältnisse – absurd teures Ticket und lasse mich zurück in die Stadt bringen.
Porto nach Lissabon
Die nächste Etappe beginnt wieder am Bahnhof Campanhã. Seit es den berühmten Nachtzug nicht mehr gibt, ist eine Zugreise nach Lissabon mühsam. Neben der Route über Vigo und Porto gibt es noch die Möglichkeit, von Madrid aus nach Lissabon zu fahren – eine kleine Odyssee mit zwei Umsteigen. Für mich ist es heute nur ein dreistündiger Hüpfer.
Ein silberglänzender Zug kommt angerollt. Portugal hatte schon immer eine besondere Beziehung zu Frankreich, und das zeigt sich an diesen Wagen: Sie sind nach guter, alter französischer Bauart, also bequem. Innen dominiert das Grün der portugiesischen Bahn.

Ich habe zwar einen laufenden Interrail-Pass, nutze in Portugal aber trotzdem reguläre Tickets. Zugfahren ist hier so günstig, dass ich die Reisetage lieber spare. Außerdem umgehe ich so die Reservierungen. Die sind nicht teuer, aber es gibt sie nur umständlich am Schalter.
Wir fahren die Linha do Norte entlang, Portugals wichtigste Nord-Süd-Verbindung und zugleich die einzige echte Schnellstrecke des Landes. Es geht über Coimbra, die alte Universitätsstadt, und Entroncamento, wo die Strecke ins spanische Badajoz abzweigt.
Der Zug ist ziemlich voll. Ich gehe in den Speisewagen, dort steht nur ein älterer Herr am Fenster und schaut den Regentropfen nach. Ich nehme ein Sandwich und setze mich in die runde Sitzecke aus Leder. Auf dem Tisch wirbt eine Dampflok für Nostalgiefahrten auf der Douro-Bahn.
Ein Abend in Lissabon
In Lissabon hält der Zug zuerst am Bahnhof Oriente mit dem berühmten Glasdach von Santiago Calatrava. Eindrucksvoll? Auf jeden Fall. Praktisch nicht unbedingt – es zieht ganz schön, und es nieselt hinein.
Oriente liegt etwas außerhalb in einem Gewerbegebiet. Ich bringe meine Sachen ins Hotel, dann nehme ich die S-Bahn zum Bahnhof Santa Apolónia im Zentrum der Stadt. Die Wände des Kopfbahnhofs sind blutrot getüncht, die Züge spiegeln sich im gewienerten Steinboden.


Lissabon also.
Mir bleibt ein Abend, was natürlich eine Unverschämtheit ist für so eine Wahnsinnsstadt. Ich mache mir gar nicht erst vor, mir irgendwas „anzuschauen“, sondern lasse mich einfach treiben.
Ich gehe hoch zur Alfama, den ältesten Teil der Stadt. Kachelverzierte Hauseingänge, Wäscheleinen über den Gassen. Vor den Ruinen des Castelo stolzieren Pfauen und lassen sich von Touristen füttern. Ab und zu zieht eine Straßenbahn die engen Kurven hinauf.
Mir bleibt ein Abend, was natürlich eine Unverschämtheit ist für so eine Wahnsinnsstadt.
Es ist frühlingshaft, die Kirschbäume blühen. Dann ein Regenguss. Ich stelle mich kurz an einem der Aufzüge unter, die die auf Fels gebaute Stadt durchbohren. Danach sind die Straßen wie leergespült.

Als es längst dunkel ist und mir die Füße wehtun, komme ich an einer der Standseilbahnen vorbei. Der Betrieb ruht schon an diesem Abend, friedlich stehen die beiden gelben Wagen auf halber Höhe in der steilen Häuserschlucht.
Ein halbes Jahr später wird einer dieser Aufzüge bei einem Unfall verunglücken. Das Seil hatte sich aus der Verankerung gelöst.
In die Algarve
Am nächsten Morgen stehe ich wieder unter dem Zeltdach von Oriente. Diesmal, mit Sonne, sieht das gleich viel besser aus. Mein erstes Ziel: Faro in der Algarve, ganz im Süden Portugals.
Im portugiesischen Fernverkehr gibt es zwei Zugtypen. Den Intercidades mit Lok und Wagen nach französischem Vorbild habe ich schon kennengelernt. Nun steige ich in den Alfa Pendular, den schnellen Neigezug der portugiesischen Bahn.

Ich habe einen Einzelplatz in der Turística-Klasse ergattert, Kostenpunkt 11,50 Euro. Die Ticketkontrolle ist sympathisch: Der Schaffner kommt vorbei, nennt meinen Vornamen und hakt mich von seiner Liste ab.
Auf einer gewaltigen Hängebrücke geht es über den Tejo, der Lissabon nach Süden hin begrenzt. Meine Höhenangst lässt mein Herz kurz klopfen. Der Rest der Fahrt ist ruhig und angenehm. Der Zug, als „Pendolino“ auch in Slowenien, Tschechien und Finnland unterwegs, schlängelt sich durch eine zunehmend karge Landschaft.
Am Bahnhof von Faro begrüßen mich grüne Kacheln. Die Gleise liegen direkt an einer Lagune. Am anderen Ende landen die Billigflieger, die Sonnenhungrige und Partyurlauber aus ganz Europa bringen.

Mit der Algarve habe ich das südliche Ende Portugals erreicht. Von hier beginnt meine lange Reise zurück nach Finnland. Da ich noch einige Tage in Andalusien verbringen werde, geht es mit dem Bus weiter nach Sevilla.
Ich laufe hinüber zum Busbahnhof und esse eine Kleinigkeit im Café. Es ginge zwar im Regionalzug noch ein Stück weiter bis zur Grenze, doch es ist einfacher, in Faro schon in den Bus zu steigen.
Ausklang in Sevilla
Wie ich zufällig herausfinde, hält der Fernbus nicht am Busbahnhof, sondern in einer unscheinbaren, grün-gelb gestrichenen Tiefgarage nebenan. Nur ein kleines Schild weist darauf hin, dass hier der Abfahrtsort sein soll. Als ich langsam zweifle, ob ich wirklich richtig bin, rollt der hellblaue Bus auf den Stellplatz.
Weiß gekalkte Häuser ziehen vorbei. Im Ostteil der Algarve ist es ruhiger, dafür im Sommer umso heißer. Wir halten noch einmal kurz vor der Grenze, dann geht es über den Guadiana, der hier Portugal und Spanien trennt. Auch diesmal ist vom Übergang kaum etwas zu merken. Nur ein Banner über der Fahrbahn verabschiedet uns.
Der Rest der Fahrt ist ereignislos. Eine Autobahn in Andalusien sieht auch nicht anders aus als zwischen Delmenhorst und dem Alhorner Dreieck. In Sevilla endet die Fahrt am Bahnhof Santa Justa, einem Koloss aus Backstein und Beton. Sevilla, noch so eine Wahnsinnsstadt. Aber das ist eine andere Geschichte.

Was bleibt nach drei Tagen Portugal?
So ganz habe ich das Land noch nicht zu fassen bekommen. Wie auch. Was ich sagen kann: Mit dem Zug bin ich gut und zuverlässig herumgekommen. Portugal hat eine Eisenbahn, die nicht betrieben wird wie eine Airline, sondern … wie eine Eisenbahn. Vielleicht nicht so fancy wie nebenan in Spanien, dafür einfach, unkompliziert, nahbar.
Ich werde wiederkommen. Dann habe ich den Roman von Pascal Mercier im Gepäck – und ganz viel Zeit für Lissabon und die anderen Bahnstrecken.
Adeus, Portugal!
Praktische Tipps
Anreise
Eine Fahrt mit dem Zug nach Portugal ist ein Thema für sich. Hier nur so viel: Seit es die Nachtzüge nach Lissabon nicht mehr gibt, fährt man entweder wie ich über Vigo nach Porto oder schlägt sich über Badajoz und Entroncamento von Madrid nach Lissabon durch. Keine dieser Varianten ist schnell oder bequem, dafür sind die Strecken schön und es bleibt ein kleines Abenteuer.
Liegt das Ziel in der Algarve, ist auch die Anreise mit dem Bus von Sevilla nach Faro oder Lagos eine Option.
Züge & Ausstattung
Das portugiesische Bahnnetz wird von der staatlichen Bahngesellschaft Comboios de Portugal (CP) betrieben. Die Fernzüge Intercidades und Alfa Pendular sind bequem und modern ausgestattet, in den meisten gibt es ein Bistro. Im Regionalverkehr verkehren Elektro- oder Dieseltriebzüge. In den Großräumen Lissabon und Porto gibt es zudem ein S-Bahn-Netz.
Die Fahrradmitnahme ist in allen Zügen kostenlos möglich. Im Alfa Pendular müssen Fahrräder allerdings zerlegt und verpackt werden.
Tickets
Zugfahren in Portugal ist sehr preiswert. Die Website der portugiesischen Bahn wurde kürzlich überarbeitet und ist gut zu bedienen. Anders als bei der spanischen Renfe gibt es auch kaum Probleme mit Kreditkartenzahlungen.
Interrail gilt in Portugal, lohnt sich aber nicht immer. Mit normalen Tickets spart man sich außerdem die Reservierung, die sonst nur umständlich am Schalter erhältlich ist.
Weiterlesen
Auch wenn der titelgebende „Nachtzug nach Lissabon“ nur einen kurzen Auftritt hat, blitzen im Roman von Pascal Mercier immer wieder Eisenbahnmotive auf. Eine leise Annäherung an Portugal und seine Menschen, mit einem Hauch von Nostalgie.
Hallo Zugfans 👋
Schön, dass ihr an Bord seid! In der Zugpost nehme ich euch mit auf Zugreisen durch Europa. In Geschichten, Guides und Gedanken. Dahinter stecke nur ich, Sebastian. Es gibt hier keine Sponsoren und keine Werbung.
Wenn euch gefällt, was ich mache, könnt ihr mich unterstützen: regelmäßig als Supporter oder mit einer einmaligen Spende. Jeder Euro hilft, die Zugpost auf der Strecke zu halten.
Vielen Dank und gute Fahrt!
