Der Fahrer wirft mir noch einen Blick zu, der wohl „Viel Glück“ bedeuten soll. Dann schließt er die Tür und brettert davon.

Ich stehe im Niemandsland zwischen Lettland und Litauen, allein mit meinem Rucksack, und frage mich: Was mache ich hier eigentlich? Aber egal, es muss ja weitergehen. Also mache ich mich auf den Weg. Immer am Gleis entlang. Richtung Vilnius.

Seit ich in Finnland lebe, ist da diese Idee: Einmal bei meinen Reisen nach Deutschland nicht die immer gleiche Route über Stockholm und Kopenhagen nehmen, sondern durch das Baltikum tingeln.

Ungezählte Male bin ich die Strecke im Kopf abgefahren. Genauso oft habe ich den Plan wieder verworfen. Zu langwierig, zu beschwerlich, so viel Zeit hat doch kein Mensch. Dabei sollte der Weg durch die baltischen Staaten eigentlich eine echte Alternative zur Skandinavien-Route sein, wie ein Blick auf die Landkarte verrät. Und ja, wer mit dem Auto fährt, ist auf beiden Strecken etwa gleich lange unterwegs.

Mit dem Zug hingegen …

Neben dem Balkan ist das Baltikum die größte Baustelle im europäischen Eisenbahnnetz. Nach der Wende lange vernachlässigt, berappeln sich die Bahnen von Estland, Lettland und Litauen nur langsam. Für die Menschen ist es längst Routine, in den Bus zu steigen.

Das gilt besonders im grenzüberschreitenden Verkehr. Stößt ein Gleis an eine Grenze, geht nichts mehr. Zwischen Estland und Lettland ist das Angebot kläglich, zwischen Lettland und Litauen fährt seit 2020 überhaupt kein Zug mehr. Die Länder schieben sich den schwarzen Peter gegenseitig zu, alles scheint auf die Rail Baltica zu warten.

Ein Wegweiser zeigt die Entfernung nach Riga, Warschau und St. Petersburg
Als eine Reise mit dem Zug durch das Baltikum noch selbstverständlich war

Fahren, was ist: In fünf Tagen von Helsinki nach Berlin

Tatsächlich hat das Megaprojekt das Potenzial, die Region für immer zu verändern. In nur sieben Stunden von Warschau nach Tallinn, oder in einem Nachtzug ab Berlin – verlockend. Manch einer träumt gar von einem Tunnel weiter nach Helsinki.

Doch die Rail Baltica ist aktuell noch viel Computerillustration und wenig tatsächlicher Baufortschritt. Die Interessen zweier Staaten unter einen Hut zu bekommen, ist schon nicht leicht. Bei der Rail Baltica sitzen fünf am Tisch, neben den baltischen Staaten auch Polen und Finnland. Zuletzt wurde der Eröffnungstermin auf 2030 verschoben. Nicht wenige zweifeln daran, dass je ein Schnellzug durchs Baltikum saust.

Im Sommer habe ich genug. Ich möchte nicht mehr von der Zukunft träumen, sondern damit auskommen, was heute geht. Ich nehme mir die Zeit, von Finnland aus mit der Fähre nach Tallinn überzusetzen, einmal das Baltikum komplett von Nord nach Süd zu durchqueren, und schließlich via Polen nach Deutschland zu fahren.

Zwei Regeln erlege ich mir auf: Ich will so viel der Strecke wie möglich mit dem Zug zurücklegen. Und das in der kürzestmöglichen Zeit. Also keine Abkürzungen mit dem Bus, keine Sightseeing-Stopps.

Fünf Tage bin ich von Helsinki nach Berlin unterwegs.

Tag 1:

Helsinki – Tallinn – Tartu

Es ist ruhig an diesem Montagmorgen in Helsinki. Wer arbeiten muss, sitzt schon am Schreibtisch, wer nicht, dreht sich lieber noch mal um.

Ich bin mit dem Frühzug aus Turku gekommen und gleich zum Marktplatz gelaufen. Mit einem Kaffee in der Hand blicke ich aufs Meer. Ob hier jemals ein Tunnel aus Tallinn auftauchen wird? Doppelt so lang wie der Eurotunnel wäre die Röhre. Ohne „Talsinki“, der erhofften grenzenlosen Agglomeration am Finnischen Meerbusen, zu nahe treten zu wollen – London, Paris und Brüssel sind doch ein anderes Kaliber.

Sorgen müssen sich die Anbieter der Fähren, die im dichten Takt zwischen Helsinki und Tallinn durch die Ostsee pflügen, so schnell wohl nicht machen. Das Geld an Bord wird ohnehin anders verdient.

Blick auf den Dom von Helsinki
Helsinki, an einem Montag

Überfahrt nach Tallinn

Aus alter Verbundenheit habe ich mich für die Fähre von Viking Line entschieden. Zum Terminal sind es nur ein paar Schritte.

Einige finnische Haudegen haben sich schon in Position gebracht. Sie haben kleine Wägelchen dabei, die sie gleich an Bord schieben werden, um sie im Tax-Free mit Bier zu beladen. Ansonsten geht es international zu. Englisch, Deutsch und Estnisch mischen sich in der viel zu kleinen Wartehalle. Kurz vor halb elf dürfen wir uns an Bord schieben.

Ich bin froh, als ich endlich auf dem Außendeck stehe und mir den Wind um die Nase wehen lassen kann. Der Kapitän bugsiert uns gerade um Suomenlinna herum, die alte Seefestung vor der Stadt. Nautisch ist es die einzige Herausforderung dieser Fahrt, denn anders als das Schärenmeer zwischen Finnland und Schweden, wo Insel auf Insel folgt, ist der Finnische Meerbusen weite, offene See.

Ich lasse Helsinki am Horizont verschwinden, dann zieht es mich doch unter Deck. Dort geht der Plan der Fähranbieter prompt auf: Die 14 Euro, die mich das Ticket gekostet hat, verzehre ich noch mal am Buffet. Es gibt Hausmannskost, abgerechnet nach Gewicht. Ich mag dieses unprätentiöse Angebot. Von den neueren Ostseefähren, die noch mehr auf Bling Bling setzen, verschwindet es immer mehr.

Nach einer ruhigen Überfahrt erreichen wir Tallinn um 13 Uhr. Auf dem Weg zur Altstadt lese ich Worte wie „keskus“ und „turg“, die mir nach ein paar Jahren in Finnland vertraut vorkommen.

Estland ist das nordische unter den baltischen Ländern. Nicht nur die Sprache verbindet mit Finnland, auch die Erfahrungen mit dem Nachbarn im Osten schweißen zusammen. Und die Finnen? Sie kommen gern zum „kleinen Bruder“ auf der anderen Seite der Ostsee. Vorbei die Zeiten, in denen nur der billige Alkohol lockte. Heute stehen Strandurlaub auf der Insel Saaremaa oder ein Städtetrip hoch im Kurs.

Baltischer Bahnhof

Für mich ist Tallinn nur Durchgangsstation. Ich kenne die schöne, aber auch sehr touristische Stadt schon. Eine kleine Runde samt Ausblick vom Domberg ist noch drin, dann geht es zum Bahnhof.

Tallinns Hauptbahnhof trägt den schönen Namen Baltischer Bahnhof, auf Estnisch Balti jaam, und ist ein Kopfbahnhof mit neun Gleisen. Das wuchtige Empfangsgebäude aus Beton hat inzwischen seine betriebliche Bedeutung verloren. Der Fahrkartenschalter ist in ein Fast-Food-Restaurant am Querbahnsteig gezogen, wo zwei Damen der estnischen Bahn hinter Glasscheiben ihrer Arbeit nachgehen.

Bahnhof von Tallinn mit Triebwagen der estnischen Eisenbahn am Bahnsteig
Der Hauptbahnhof von Tallinn trägt den schönen Namen Baltischer Bahnhof

Estlands Eisenbahn ist die modernste im Baltikum. Vor zehn Jahren erneuerte die staatliche Bahngesellschaft Elron ihre Fahrzeugflotte radikal und ersetzte die alten Sowjetzüge durch Triebwagen aus Schweizer Produktion. Es gibt zwei Bauweisen – eine elektrische, die den Vorortverkehr um Tallinn bedient, und eine Dieselvariante für die nicht elektrifizierten Fernstrecken.

Mein Zug ist der Express nach Tartu, Abfahrt 15:16 Uhr. Ironischerweise dieselt dieser noch weiter bis Valga, also direkt an die lettische Grenze. Er käme früh genug an, um einen Anschlusszug nach Riga zu erreichen. Aber natürlich gibt es diesen Zug nicht. Statt in Valga zu stranden, verbringe ich die Nacht lieber in Estlands zweitgrößter Stadt.

Der Triebwagen ist knallorange, wie alles bei der estnischen Bahn. Am Außenspiegel flattert ein kleines Bändchen in Estlands Nationalfarben Blau, Schwarz und Weiß. Ich setze mich in eine Dreier-Sitzreihe, breit wie eine Wohnzimmer-Couch. Und doch ist genug Platz im Gang: Die Bahnen im Baltikum sind auf der russischen Breitspur von 1520 Millimetern unterwegs. Das erschwert zwar den Übergang zur europäischen Normalspur (1435 Millimeter), sorgt aber für äußerst geräumige Züge.

Kurz vor der Abfahrt kommt eine freundliche Schaffnerin vorbei und druckt mir für mein Interrail-Ticket eine 0-Euro-Fahrkarte aus. Die Durchsagen kommen vom Band und sind auf Estnisch und Englisch, alles ist sauber und aufgeräumt. Insgesamt ein sehr positiver Eindruck.

Tolles Tartu

Wir rollen zunächst durch den Speckgürtel von Tallinn und halten an einigen Vorortbahnhöfen. Dann wird der Zug zum Express und wir eilen ohne weiteren Halt durch die Landschaft.

Vor Tapa, wo die Strecke nach Narva an der russischen Grenze abzweigt, dann eine Überraschung: Gleisbauarbeiten in größerem Stil! Sollte es etwa doch Fortschritt beim Bau der Rail Baltica geben? Ein Blick auf die Karte sorgt für Ernüchterung – die neue Strecke wird nicht hier verlaufen, sondern viel weiter westlich nahe der Küste.

In Tartu bin ich erst mal baff. Einen so schönen Bahnhof, der hier im späten Nachmittagslicht strahlt, hätte ich nicht erwartet. Und auch Leben ist zu dieser Zeit noch. An einem Mini-Schalter verkauft eine Frau Fahrkarten und Schokolade, auch ein kleines Bahnhofscafé gibt es.

Der erste Eindruck von Tartu bestätigt sich. Bei meinem Rundgang am Abend lerne ich eine sympathische, unaufgeregte und hübsche Universitätsstadt kennen, die sich gerade für 2024 herausputzt. Dann nämlich wird Tartu den Titel Kulturhauptstadt Europas tragen. Ein schöner Anlass, noch einmal mit mehr Zeit zurückzukommen.

Bahnhof von Tartu mit einem Zug der Estnischen Eisenbahn
Hauptplatz von Tartu mit Beschilderung zur Europäischen Kulturhauptstadt 2024
Eindrücke von Tartu, das 2024 den Titel Kulturhauptstadt Europas trägt

Tag 2:

Tartu – Valga – Riga

Heute steht die einfachere der beiden Grenzüberquerungen innerhalb des Baltikums an. Es geht nach Valga an der estnisch-lettischen Grenze, von dort fährt ein lettischer Zug nach Riga. Mit einem vernünftig koordinierten Fahrplan könnte ich in dreieinhalb Stunden in Lettlands Hauptstadt sein. Leider ist dies aber das Baltikum, und so ignoriert der lettische Fahrplan den estnischen und umgekehrt.

Überhaupt gibt es nur zwei Züge von Valga nach Riga. Einer davon allerdings um 5 Uhr morgens, sodass es nur eine mögliche Umsteigeverbindung von Tallinn und Tartu am Tag gibt. Und diese beinhaltet auch noch eine Wartezeit von vier Stunden in Valga. Ein klassischer Nichtanschluss. Aber ich weiß ja, was mich erwartet, und erfreue mich einmal mehr am Bahnhof von Tartu.

Nach Valga bringt mich der nächste estnische Triebwagen. Wieder bekomme ich mein kleines Ticket zu 0 Euro ausgedruckt, diesmal werde ich auch nach meinem Ausweis gefragt. Der Zug ist gut ausgelastet, an der Nachfrage liegt es also nicht.

Auch diese Fahrt ist wirklich gut, jeder findet einen Platz im geräumigen Zug. Wo sie fährt, macht die estnische Eisenbahn einen guten Job. In ordentlichem Tempo rauschen wir durch eine Landschaft, die wie eine Mischung aus Finnland und norddeutscher Tiefebene wirkt.

Bahnreisen im Baltikum: Estland, Lettland und Litauen
Urlaub mit der Bahn geht nicht nur in den klassischen „Eisenbahnländern“. Hier sind sieben tolle Zugreisen durch Estland, Lettland und Litauen.

Warten in Valga

Der Bahnhof von Valga ist für den Minimalverkehr, der hier geboten wird, erstaunlich groß. Auf den weiträumigen Gleisanlagen stehen Güterwagen aus alle Ecken Osteuropas, eine wuchtige Diesellok aus Litauen zieht gerade donnernd mit ihren Kesselwagen davon.

Im toll sanierten Bahnhofsgebäude gibt es Toiletten, einen Fahrkartenschalter, eine Tourist-Information und sogar einen kleinen Bücherbasar. Am besten gefallen mir aber die Schließfächer, die mich gegen einen Pfand(!) von 50 Cent von der Last auf meinen Schultern befreit. Großartig!

Bahnhof von Valga, im Vordergrund ein Zug der Estnischen Eisenbahn und Kesselwagen
Bahnhof von Valga mit meinem Zug aus Tartu

Was fange ich nun vier Stunden in Valga an?

Erst mal ein bisschen durch die Gegend stromern. Ich überquere einige Male die Grenze, wo aus dem estnischen Valga das lettische Valka wird, einmal sogar auf einer Schaukel. Seit meinem letzten Besuch vor ein paar Jahren hat sich die Doppelstadt gut entwickelt und das Vermarktungspotenzial seiner Lage erkannt. „Eine Stadt, zwei Länder“, heißt jetzt das Motto, und es gibt einen gemeinsamen Platz, der je zur Hälfte in Estland und Lettland liegt. Der Alkoholtourismus scheint dagegen an Bedeutung verloren zu haben.

Nach dem Grenzgang esse ich im Café Johanna auf estnischer Seite für sehr wenig Geld eine sehr leckere Suppe, während draußen ein Wolkenbruch abgeht. Hier kann man nicht nur gut essen, sondern auch gemütlich sitzen und, wenn nötig, auch arbeiten.

Rustikal nach Riga

Zurück am Bahnhof wartet der Triebwagen nach Riga bereits am Bahnsteig. Bei der lettischen Eisenbahn weht ein anderer Wind, hier kommen noch die alten Züge aus Sowjetzeiten zum Einsatz. So auch dieses Exemplar, ein wuchtiger Dieseltriebwagen aus den 1960er Jahren. Sehr rustikal, mit Sitzen, die eher an einen Bus erinnern als an einen Zug. Aber nicht ohne Charme, mit Fenstern zum Öffnen, und sogar WLAN gibt es.

Pünktlich um 15:03 Uhr setzt sich einer von überhaupt nur zwei grenzüberschreitenden Zügen im Baltikum in Bewegung. Der Grenzübertritt erfolgt allerdings schon nach wenigen Fahrminuten, nachdem wir bedrohlich schaukelnd die Weichenstraßen des Bahnhofs Valga hinter uns gelassen habe.

Was folgt, ist eine fantastische Fahrt durch ein spätsommerliches Lettland. Es schaukelt und rattert, der Wind weht durch das offene Fenster hinein. Ja, aus Sicht des modernen Reisenden muss man diese Züge sicher kritisieren. Mein Eisenbahnherz aber hüpft.

Kurze Verwirrung bei der Fahrkartenkontrolle, als das letzte Aktualisierungsdatum meines digitalen Interrail-Passes fälschlicherweise für das Reisedatum gehalten wird. Mit einem energischen Fingerzeug auf das Stichwort „valid“ lasst sich dies aber aufklären und die Schaffnerin geht schulterzuckend ab.

Blick aus dem offenen Zugfenster auf der Fahrt durch Lettland
Eisenbahnglück: Am offenen Zugfenster durch Lettland

Wälder, Moore und blühende Heide ziehen vorbei, Städte und Dörfer dagegen fast nie. Lettland ist Natur pur, und diese Strecke ist beste Werbung. Rund um Sigulda passieren wir den wunderbaren Gauja-Nationalpark. Hier habe ich einmal im Winter eine schöne Wanderung unternommen und mir geschworen, im Sommer zurückzukehren. Das wäre dann hiermit, na ja, erledigt. Nun schwöre ich mir, noch einmal richtig zurückzukehren, also mit ausgiebigem Aufenthalt.

Großer Bahnhof in Riga

Pünktlich um 17:45 Uhr erreichen wir Riga. Ohne Unterlass strömen Menschen aus den Aufgängen und klettern wortwörtlich in die unglaublich hohen Züge. Barrierefreiheit? Fehlanzeige! Und wer mit dem Rad reist, braucht einiges an Muskelkraft.

Auch im Bahnhof selbst herrscht großes Gewusel. Es gibt Kioske, kleine Geschäfte, die Abfahrtstafeln verkünden eine beachtliche Zahl an Zügen. Das ist doch ein anderer Schnack als im beschaulichen Tallinn.

Damit geht der Bahntag für heute zu Ende. Es bleibt ein Abend in Riga, bei dem ich mich davon überzeuge, dass ich die Stadt mit ihrem Clash aus West und Ost – Mittelalter und Jugendstil auf der einen, brutalter Sowjetschick auf der anderen Seite – immer noch sehr liebe. Eine der aufregendsten Metropolen Europas.

Irgendwann falle ich erschöpft in mein Hostelbett direkt am Bahnhof. Morgen wartet das größte Abenteuer dieser Reise.

Das Schwazhäupterhaus in Riga
Leuchtschrift am Bahnhof von Riga
Abendliche Eindrücke von Riga, der größten Stadt im Baltikum

Tag 3:

Riga – Daugavpils – Vilnius

Vor dem heutigen Tag habe ich Bammel.

Weil zwischen Lettland und Litauen kein Zug fährt, und ich nicht einfach in den Fernbus nach Vilnius steigen will, was gegen die Regeln dieser Reise wäre, musste ich mir etwas einfallen lassen.

Der Plan geht so: Zunächst mit dem Zug nach Daugavpils, von dort soll mich dann ein Bus in ein winziges Nest irgendwo im Nirgendwo bringen und ich versuche die Grenze zu Fuß zu überqueren. Die einen sagen: kein Problem! Andere berichten von gefährlichen Hunden, derentwegen sie die Grenzüberquerung abbrechen mussten.

Gedanken an der Daugava

Der Tag beginnt früh, ich nehme den Zug um 7:31 Uhr nach Daugavpils. Es ist wieder der quietschgelbe Sowjet-Triebwagen, den ich schon von gestern kenne. Der Zug ist knallvoll. Kein Wunder, es ist eine von nur fünf täglichen Verbindungen in die zweitgrößte Stadt Lettlands.

Anders als gestern bekomme ich ein Ticket ausgedruckt, diesmal mit Preis. Ich weiß nun, dass ich mit meinem Interrail-Pass 7,25 Euro spare. Im Voraus im Internet gekauft, wäre es sogar noch günstiger gewesen. Kein schlechter Deal für dreieinhalb Stunden Fahrt. Ein nettes Detail ist das lettische Streckennetz auf der Rückseite des Tickets.

Rückseite des Tickets der lettischen Bahn mit einer Karte der Bahnstrecken in Lettland
Liniennetz der lettischen Eisenbahn auf der Rückseite eines Fahrscheins

Wir folgen dem Lauf der Daugava, auf Deutsch auch Düna genannt, bekommen den Fluss aber kaum zu Gesicht. Die Fahrt zieht sich. In Aizkraukle ein Schild: „Riga 82 km“. Erst. Fast eineinhalb Stunden Tuckern durch Lettland liegen da schon hinter uns.

Zeit, den Gedanken nachzuhängen. Zum Beispiel darüber, wie unterschiedlich die Länder des Baltikums doch sind, sprachlich, kulturell und in vielerlei anderer Hinsicht. Besteht etwa gar kein großer Bedarf an grenzüberschreitenden Verbindungen? Ich lese vom Baltischen Weg, einer Menschenkette, in der sich 1989 fast zwei Millionen Esten, Letten und Litauer zwischen Tallinn, Riga und Vilnius die Hand gaben. Und das friedlich, ohne Eingreifen der sowjetischen Besatzer. Heute ist der 23. August, just an diesem Tag jährt sich das Ereignis zum 34. Mal.

Am einzigen größeren Unterwegsbahnhof in Krustpils klettern einige aus dem Zug, die meisten fahren aber die gesamte Strecke von Riga nach Daugavpils durch. Vor dem Fenster graue Betonblöcke. Überhaupt liegt eine Schwere über dieser Fahrt. Kaum einer spricht, es riecht säuerlich.

Verschiedene Welten

Irgendwann ist es geschafft und wir werden in Daugavpils auf den Bahnsteig gespuckt. Der Bahnhof ist recht ansehnlich, es gibt einen Schalter, ein kostenloses Klo und ein Meer an Pflanzen. Was fehlt: Züge. Und Reisende. Es geht nicht mehr weiter in Daugavpils. Einst zentral gelegen, mit Schienensträngen in alle Richtungen, ist die Stadt zur Sackgasse geworden.

Daugavpils, das Zentrum der russischen Bevölkerung in Lettland, entpuppt sich als nettes, unaufgeregtes Städtchen mit niedlicher Straßenbahn. Für die wichtigste Sehenswürdigkeit, die Dünaburg vor den Toren der Stadt, fehlt mir die Zeit. Stattdessen finde ich mich zum Mittag in einem lettisch-ukrainischen Lokal ein, wo mir Soljanka, Fisch, Kaffee und Kwas für keine zehn Euro aufgetischt wird.

Am Busbahnhof dann erlebe ich die Realität des öffentlichen Verkehrs im Baltikum. Während der Bahnhof der Bedeutungslosigkeit entgegen schlummert, rattert hier unentwegt die Anzeigetafel und verkündet neue Ziele. Es gibt Geschäfte und ein Café, hinter dem Glas am Schalter sitzen drei Frauen und geben Fahrscheine raus.

Am Bussteig 5 taucht irgendwann das Codewort für den abenteuerlichsten Teil dieser Reise auf: Zemgale. Hierhin, in dieses winzige Nest an der Grenze, fährt viermal ein Tag ein Bus.

Kleiner weißer Bus am Busbahnhof in Daugavpils
Es gibt ihn wirklich: Bus nach Zemgale an der lettisch-litauischen Grenze

Und der Bus kommt tatsächlich. Na ja, besser gesagt ein weißes Büslein. Das Ticket nach Zemgale habe ich zuvor online gekauft, zum Preis von 1,50 Euro. Der Fahrer interessiert sich nicht für derlei Details. Er winkt uns lässig durch und geht erst mal Kaffee trinken. Wir, das sind eine Handvoll lettischer Omas und ein Zugfreak aus Finnland.

Laufen nach Litauen

Wir überqueren die Daugava, dann geht es in die Einöde. Über Schotterstraßen, vorbei an Storchennestern und einsamen Gehöften, aus dem Radio wogt Akkordion-Musik. Niemand sagt ein Wort. Ich fühle mich in der lettischen Version eines Kaurismäki-Films und liebe alles daran.

In Zemgale hält der Bus direkt am Gleis, auf dem einst Züge von Warschau nach St. Petersburg rollten. An der Infrastruktur liegt es nicht, dass hier kein Zug fährt. Es sind nur die lettische und litauische Bahn, die sich nicht über die Details einigen können. Oder wollen?

Bushaltestelle in Zemgale mit Schild und Busfahrplan
Zemgale im Niemandsland zwischen Lettland und Litauen

Als der Bus im Staub verschwunden ist, mache ich mich auf den sagenumwobenen Fußweg. Bis zur Grenze sind es zwei Kilometer. Vorbei an versprengten Gehöften und einer – Überraschung – Kirche, der Rest ist Brachland. Die Tatsache, dass hier schon der ein oder andere notorische Zugreisende lang gelatscht ist, muss Google dazu verleitet haben, den trostlosen Flecken als „Wandergebiet“ auszuzeichnen.

Es klappt und nach knapp 30 Minuten entdecke ich den Grenzpfahl in Gelb, Grün und Rot. Ich bin drüben. Hundegebell habe ich zum Glück nur aus der Ferne gehört, Menschen keine getroffen.

Direkt nach der Grenze überquere ich das Gleis, denn der Bahnhof Turmantas, Endpunkt des litauischen Personenzugverkehrs, liegt auf der anderen Seite. Das ist offiziell sicher so nicht vorgesehen, aber na ja, mit Zugverkehr ist ja eher nicht zu rechnen. Auffällig, dass das Gleis offenbar nur auf lettischer Seite instand gehalten wird, während auf litauischer Seite das Unkraut sprießt.

Weg neben der Bahnstrecke in Zemgale
Wo kein Zug fährt, muss man die Grenzüberquerung eben selber machen

Nach einigen wenigen Schritten in Litauen ein paar Häuser, dann strahlt mich das mintgrüne Bahnhofsgebäude von Turmantas an. Der Zug wartet schon am Gleis, bis zur Abfahrt Richtung Vilnius sind es aber noch fast zwei Stunden. Abgesehen vom Lokführer, der in seinem Führerstand kauert, ist der Bahnhof komplett menschenleer.

Die Lüfter der digitalen Anzeigetafeln surren, das Gras ist akkurat getrimmt, im penibel sauberen Empfangsgebäude entdecke ich noch mehr Bildschirme, Toiletten und einen Schalter.

Aber nichts. Niemand, kein Mensch.

Die EU-Flagge, die am Bahnsteig neben der litauischen schlaff in der Luft hängt, verrät, wem dieses Szenario zu verdanken ist. Wieder einmal hat man mit Mitteln aus Brüssel fantastische Infrastruktur hingestellt, aber vergessen, dass das ohne Züge – im Falle von Turmantas, grenzüberschreitende Züge – nur Kulisse ist.

Bahnhof von Turmantas mit einem Triebwagen der litauischen Bahn
Turmantas in Litauen: Bahnhof und Zug glänzend, Fahrgäste Fehlanzeige

Berauschendes Vilnius

Irgendwann wirft der Lokführer den Motor an. Wie aus dem Nichts taucht eine Zugbegleiterin auf und wir machen uns zu dritt auf die Reise. Ich bin der einzige Fahrgast.

Am ersten Halt steigen ein paar Pilzsammler ein, später kommt eine Gruppe Studenten hinzu. Litauer gelten als die Südländer des Baltikums, und das ist nicht nur geografisch gemeint. Es wird gelacht und gescherzt. Ich komme nicht umhin, den Unterschied zu der bleiernen Schwere, die im lettischen Zug nach Daugavpils lag, zu bemerken.

Innenraum des litauischen Triebwagens

Äußerlich ist es der gleiche Triebwagen wie in Lettland, jedoch mit anderem Interieur. Statt Sitzen gibt es in der litauischen Version nur harte Bänke. Und, leider, keine Übersetzfenster.

Langsam und immer wieder vom Tackern der Schienenstöße untermalt geht es durch trockene Fichtenwälder. Mühsam überholen wir ein Auto, das eine lange Staubfahne hinter sich herzieht. Vor Vilnius wird es hügelig und grün, eine Landschaft, die ich so gar nicht im Baltikum verortet hätte.

Vilnius, die mir bislang noch unbekannte der drei Hauptstädte im Baltikum, erreichen wir am frühen Abend. Direkt neben dem toll renovierten Empfangsgebäude komme ich in einem Hotelzimmer mit Blick auf die Gleise unter und puste erstmal durch. Nach einer kleinen Odyssee von elf Stunden habe ich es tatsächlich von Riga nach Vilnius geschafft.

Vilnius selbst ist dann die komplette Überforderung.

Die Stadt ist zum Sterben schön, doch berstend vor Leben an diesem wunderschönen Spätsommerabend. Ich verliere mich in einem Labyrinth aus barocken Kirchen, spitzen Türmen, weißen Mauern, roten Dächern und quirligen Bars, eingerahmt von einer traumhaften Hügelkulisse. Einmal mehr auf dieser Reise muss ich sagen: Ich komme wieder!

Und dann stolpere ich auch noch in die Feier zum Jubiläum des Baltischen Weges. Fremde nehmen sich an die Hände, liegen sich in den Armen, tanzen und schunkeln zu den Liedern von damals.

Währenddessen tobt ein paar hundert Kilometer südöstlich ein Krieg und Menschen müssen wieder um ihre Unabhängigkeit bangen und kämpfen. In Vilnius vergessen sie das nicht an diesem Abend und lassen den Bahnhof in ukrainischen Farben erstrahlen.

Eine abendlich Straßenszene in Riga
Kathedrale und Glockenturm von Vlinius
Der Bahnhof von Vilnius in ukrainischen Farben
Eindrücke von Vilnius, das mich schlicht überfordert an diesem Abend

Tag 4:

Vilnius – Mockava – Warschau

Endlich kann ich einmal selbst die Verbindung testen, über die ich schon so viel geschrieben habe, nämlich den neuen „Direkt“-Zug von Vilnius nach Warschau. Direkt steht hier in Anführungszeichen, weil tatsächlich an der Grenze in Mockava von litauischer auf polnische Bahn umgestiegen werden muss. Der Umstieg ist aber koordiniert und klappt selbst im groben Verspätungsfall, wie ich heute lernen sollte.

Was mir schon mal gefällt: Es geht erst zur Mittagszeit in Vilnius los. So bleibt genug Zeit, endlich einmal auszuschlafen und mich um Proviant zu kümmern. Auf der langen Fahrt bis Warschau (der polnische Zug fährt sogar noch weiter bis Krakau) gibt es nämlich noch keinen Speisewagen, dieser soll erst ab Dezember 2023 kommen. Ich drehe einige Runden durch einen Supermarkt am Bahnhof, bis ich mich mit litauischen Teigtaschen und anderen Sünden eingedeckt habe.

Am Bahnsteig wartet ein Dieseltriebwagen aus polnischer Produktion. Der ist modern, aber ziemlich eng und voll. Ich bekomme kaum meinen wirklich nicht großen Rucksack in die Gepäckablage, die Sitze sind hart, der Sitzabstand ist schmerzhaft klein. Ich wundere mich, wie man im großzügigen Breitspurprofil einen so beengten Zug konstruieren kann.

Immerhin machen wir ordentlich Tempo in unserer Rennschachtel, und auch die Landschaft vor dem Fenster ist wieder sehr lieblich.

Mein Interrail-Pass wird von gleich zwei Schaffnerinnen kontrolliert. Ich füge meiner Sammlung eine neue 0-Euro-Fahrkarte zu, diesmal im Design der litauischen Bahn LTG Link. Das Ticket gilt für die gesamte Strecke bis Krakau und hätte ohne Interrail 30 Euro gekostet. Eine der beiden Schaffnerinnen kommt später mit einem Körbchen mit Süßigkeiten und Getränken vorbei. Dass es ein – rudimentäres – gastronomisches Angebot in litauischen Zügen gibt, wusste ich nicht.

Kurz vor Kaunas taucht die Memel vor dem Fenster auf – und wir in einen langen Tunnel ein. Das hatte ich nicht auf meinem Baltikum-Bingo. In der Kulturhauptstadt von 2022 steigen dann einige aus, aber auch viele zu, sodass der Zug gut gefüllt bleibt.

Nach Kaunas klärt eine automatische Bandansage über den bevorstehenden Umstieg in Mockava auf. Der Rest der Strecke ist in Top-Zustand, eine Vorleistung zur Rail Baltica. Zwei Gleise liegen in einigem Abstand nebeneinander, das Breitspur-Gleis, auf dem wir unterwegs sind, und das Normalspur-Gleis, das bis vor ein paar Jahren der Direktzug Białystok–Kaunas befuhr. Die Landschaft verschwindet immer wieder hinter Lärmschutzwänden.

(K)ein Anschluss in Mockava

Pünktlich um 14:41 Uhr erreichen wir Mockava (was sich, wie ich lerne, wie Motz-kawa spricht). Das winzige Dörflein hat gerade einmal 57 Einwohner, aber wieder einen auffallend schicken Bahnhof mit WLAN und kostenlosen Toiletten. Und ja, auch hier hat die EU ihre Finger im Spiel.

Das Einzige, was fehlt: unser Anschlusszug nach Polen. Die Schaffnerin gestikuliert, dass hier keine Eile besteht. Nach der Übersetzung einer Mitreisenden wird klar: Der polnische Zug hatte einen Unfall und wird mit einer Verspätung von 150 Minuten eintreffen. Wir dürfen im Zug bleiben oder den Bahnhof erkunden.

Litauischer Zug am Bahnhof von Mockava
Ankunft in Mockava an der litauisch-polnischen Grenze

Später gibt es Wasser und einen Müsliregel. Man kann der LTG wirklich keinen Vorwurf machen, sie tut, was sie kann, um uns Gestrandeten den Aufenthalt im Nichts so angenehm wie möglich zu machen. Und dabei kann sie für die Sache nicht einmal etwas. Schuld is der ultralange Laufweg von Krakau bis über die Grenze nach Litauen, der dem polnischen Zug alle Möglichkeiten gibt, Verspätungen einzusammeln.

Ich treffe auf zwei Zugfreunde aus Deutschland, wir werden den Rest der Fahrt gemeinsam bestreiten. Quatschend über Züge und Zugreisen vergeht die Zeit schnell. Um kurz vor 18 Uhr taucht tatsächlich erleichtert hupend der polnische Zug am Horizont auf.

Bahnsteig von Mockava mit dem litauischen Zug und dem polnischen Zug
Mit einer Verspätung von drei Stunden trifft der polnische Zug in Mockava ein

Ein Abend durch Polen

Bis wir losfahren, dauert es aber noch eine Weile, schließlich muss die Diesellok noch vom einen zum anderen Ende des Zuges umsetzen. Wie sich herausstellt, ist der Zug mit einer Ersatzgarnitur unterwegs und so gibt es einige Konfusion um die Plätze. Da wir die fünf Wagen aber bei Weitem nicht auslasten, ruckelt sich alles ein.

Es ist einer dieser Momente mit einem heillos verspäten Zug, wo sowieso alles egal ist. Auffällig: Niemand meckert, alle erdulden ihr Schicksal klaglos, dabei müssen einige ihre Reisepläne über Bord werfen, weil sie ihre Anschlusszüge in Warschau verpassen.

Mit meiner kleinen Reisegruppe beziehe ich ein Abteil. Da mit der Ersatzgarnitur auch älteres Wagenmaterial einhergeht, mit „Fenster auf“! Allein dafür hat sich das Warten gelohnt. Um 18:14 Uhr, mit einer Verspätung von drei Stunden, setzen wir uns tatsächlich in Bewegung.

Der Rest ist pures Eisenbahnglück. Wir laufen wie Flummis vom Abteilfenster zum Gangfenster und wieder zurück, immer auf der Suche nach dem schönsten Motiv und den besten Eindruck von Podlachien, der nordostpolnischen Landschaft, die wir dank diverser Langsamfahrstellen im Schneckentempo durchfahren. In Suwałki ist dann noch ein Lokwechsel, der trotz der heillosen Verspätung in aller Seelenruhe durchgeführt wird. Die polnische Bahn hat diesen Zug aufgegeben.

Fenster auf in Polen
Bahnhof von Suwałki
Blick aus dem Zugfenster im polnischen Zug, im Vordergrund Telegrafenkabel
Eindrücke von der Fahrt mit dem Zug der polnischen Bahn nach Białystok

In Białystok dann die Nachricht, dass unser Zug hier vorzeitig endet. Wir steigen in einen IC nach Warschau, der am Bahnsteig wartet. Einer meiner beiden Reisegefährten bleibt in Bialystok zurück, er bekommt von der polnischen Bahn eine Hotelübernachtung spendiert. Mit dem anderen entere ich sofort die kleine Bistro-Ecke des modernen Triebzuges. Wir haben Glück, der Zweier-Tisch ist noch frei. Bei Piroggen und Bier vergehen auch die letzten Stunden bis Warschau.

Es ist Mitternacht, als ich nach einer kurzen Fahrt mit der Metro meine Unterkunft erreiche. Ich falle direkt ins Bett und einen komatösen Schlaf.

Tag 5:

Warschau – Berlin

Als ich wieder aufwache, ist es 7 Uhr. Noch eine gute Stunde, dann fährt der EuroCity nach Berlin ab, heute abweichend vom Bahnhof Warszawa Gdańska im Norden von Warschau. Ich schaffe es, setze mich direkt in den Speisewagen und hole das Frühstück nach.

Über den Berlin-Warszawa-Express ist nicht viel zu sagen. Es ist eine eingespielte Verbindung zwischen den Hauptstädten, die inzwischen mit sechs täglichen Zugpaaren auch in angemessener Regelmäßigkeit bedient wird. Allein ich zittere die ganze Fahrt über in den modernen Wagen, deren Klimaanlage zu kalt eingestellt ist.

Rührei und Kaffee im polnischen Speisewagen
Frühstück im Speisewagen der polnischen Bahn

Zeit für ein Fazit

Mein Speedrun neigt sich dem Ende, Zeit für ein Fazit. Ich bin angetreten, um die Probleme mit der Bahn im Baltikum offenzulegen. Was ich bekommen habe? Mit Tartu und Vilnius zwei tolle Städte, die ich unbedingt wiedersehen möchte. Überraschend viel Eisenbahnromantik mit unvergesslichen Fahrten am offenen Fenster. Haufenweise Eindrücke von der kulturellen Vielfalt im Baltikum.

Und doch bleibt die geradezu groteske Situation an den Grenzen, die sich so leicht beheben ließe. Dazu braucht es keine milliardenschwere Rail Baltica. Ein bisschen Reden miteinander würde schon reichen. Immerhin, Hoffnung besteht: Es Gerüchte, dass sowohl zwischen Vilnius und Riga als auch Riga und Tartu 2024 direkte Züge verkehren könnten.

Würde ich es wieder tun? Vielleicht, dann aber mit mehr Zeit und zusätzlichen Übernachtungen vor Ort.

Polnischer Eurocity in Berlin Ostbahnhof
Am fünften Tag meiner Reise erreiche ich Berlin Ostbahnhof

Zum Mittagessen treffe ich mich noch einmal im Speisewagen mit dem Zugfreund von gestern, der zufällig im selben Zug nach Berlin sitzt. Wir überqueren die Oder, dann bricht die letzte Stunde der Fahrt an.

Es ist Freitag, 14 Uhr, als ich am Berliner Ostbahnhof völlig erschöpft auf den Bahnsteig taumle, nachdem ich am Montag um halb elf in Helsinki auf ein Schiff gestiegen bin. Für mich geht es noch ein bisschen weiter. Ich versinke im üblichen Chaos der Deutschen Bahn und erreiche schließlich mit einer Stunde Verspätung mein Ziel in Niedersachsen.

Aber wer will schon kleinlich sein nach neun Zügen, einer Fähre, einem Bus und einem Grenzübertritt zu Fuß. Einmal durch das Baltikum.

Praktische Tipps

  • Ich habe die Reise mit Interrail bestritten. Die Anschaffung eines Interrail-Passes nur für Reisen im Baltikum lohnt sich allerdings kaum, weil normale Tickets sehr günstig sind.
  • Fahrpläne im Baltikum recherchiert ihr direkt bei den Bahnen von Estland, Lettland und Litauen, da diese den europäischen Auskunftsmedien größtenteils unbekannt sind.
  • Fahrkarten gibt es online, am Fahrkartenschalter oder direkt beim Zugteam an Bord. Sparpreise, Zugbindung, Reservierungspflicht und Ähnliches gibt es im Baltikum nicht.
  • Fähren zwischen Helsinki und Tallinn werden neben Viking Line auch von Tallink Silja und Eckerö Line angeboten.
  • Zur Überbrückung der Wartezeit in Valga kann ich das Café Kohvik Johanna wärmstens empfehlen.
  • Bahnhofsnah übernachten könnt ihr in Riga im Cinnamon Sally Backpackers Hostel und in Vilnius im Railway Apartments Hotel (Zimmer mit Gleisblick buchen).
  • Fahrpläne und Tickets für den Bus von Daugavpils nach Zemgale gibt es online auf bezrindas.lv.
  • Für die Verbindung Vilnius–Mockava–Warschau benötigt ihr eine Reservierung, allerdings nur auf dem polnischen Abschnitt. Gekauft bei der polnischen Bahn ab dem bzw. bis zum ersten Bahnhof in Polen (Trakiszki), kostet diese 1 Złoty (etwa 20 Cent).
  • Natürlich könnt ihr diese Reise auch in umgekehrter Richtung antreten, also von Deutschland bzw. Polen startend. Dann bieten sich gegebenenfalls andere Orte für Übernachtungen an.

Vielen Dank an Virpi Flyg und Saulė Kubiliūtė, die mir bei der Recherche für diesen Artikel beratend zur Seite standen.


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