Die Sonne ist gerade über den Horizont geklettert und wirft ihr Licht auf das Eis. Gassigeher und Schlittschuhläufer drehen ihre Morgenrunde. Am Ufer warten ein paar Tretschlitten darauf, auf die erstarrte Ostsee geführt zu werden.

Es ist Ende Januar, die dunkelsten Tage sind nun auch in Nordschweden vorbei. Ich bin im Nachtzug nach Luleå gekommen. Für Zugreisende war die Stadt an der Spitze des Bottnischen Meerbusens lange Endstation. Wer weiter Richtung Osten wollte, nach Finnland, musste in den Bus umsteigen. Doch dann wurde vor ein paar Jahren eine besondere Bahnstrecke wiedereröffnet. Ihr Ziel: Haparanda, direkt an der finnischen Grenze.

Als ich am späten Vormittag wieder am Bahnhof stehe, frage ich mich kurz, ob ich mich in der Zeit versehen habe. Doch dann kommt ein kurzer, blau-gelber Triebwagen an den Bahnsteig gerollt. Das ist also der Zug, der mich fast bis nach Finnland bringen soll – und dabei die modernste Schnellfahrstrecke Nordeuropas befährt.

Ich bin der einzige, der einsteigt.

Große Buchstaben Luleå am Ufer
Unser Zug am Bahnhof Luleå
Abfahrt in Luleå an einem herrlichen Wintertag

Wir rollen los. In einer langgezogenen Kurve geht es erst einmal in die falsche Richtung. Dieser Abschnitt gehört streng genommen zur Erzbahn, jener legendären Strecke, die zu den Eisenminen von Kiruna und weiter bis ans Nordmeer führt. Stromleitungen und Schneemobilspuren ziehen am Fenster vorbei. An einem Haltepunkt steigt noch ein Mann mit Fahrrad ein.

Ob immer so wenig los sei, frage ich die Schaffnerin, als sie mein Ticket scannt. Ein paar kommen schon noch in Boden dazu, erzählt sie, aber richtig voll sei der Zug eigentlich nie.

Es sind dann ein älteres Ehepaar und eine Backpackerin, die am schwarzen Holzbahnhof zusteigen. Boden, ursprünglich ein Bauerndorf, wurde durch die Eisenbahn zum Verkehrsknoten. Die Erzbahn trifft hier auf die Hauptstrecke aus Stockholm. Unser Gleis zweigt nach Nordosten ab. Richtung Wildnis.

Karte der Haprandabahn

Historisches Gleis

Wir schlängeln uns durch eine hügelige Landschaft. Ab und zu zieht ein einsames Gehöft vorbei, Zäune sollen die Rentiere abhalten. Die letzten Tage waren ungewöhnlich mild am Polarkreis. Die Bäume haben ihr weißes Kleid schon abgelegt, die Schneedecke zu ihren Füßen hat eine harte Kruste bekommen.

Ein ähnliches Bild hat sich wohl auch geboten, als ein kleiner, untersetzter Mann im ausklingenden Winter des Jahres 1917 auf diesen Schienen unterwegs war. Auf einer Zugfahrt, die in die Geschichte eingehen sollte. Für den Blick aus dem Fenster hatte er aber wenig übrig, zu sehr war er in seine Schriften vertieft. Sein Name: Wladimir Iljitsch Uljanow, besser bekannt als Lenin.

Lenin war auf dem langen Weg zurück vom Schweizer Exil nach Sankt Petersburg, wo die Revolution den Zaren gestürzt hatte. Mit seinen Gefährten – darunter seine Frau und seine Geliebte – hatte er sich im berühmten plombierten Wagen durch Deutschland gestohlen und war dann einmal quer durch Schweden gereist.

Innenaufnahme von Sitzen im Norrtåg Zug
Regionalzüge in Schweden sind geräumig und bequem

„Nachfüllen gratis!“ Obwohl sie ihre Fahrgäste an einer Hand abzählen kann, hat die Schaffnerin den kleinen Bordkiosk geöffnet. Ich schenke mir einen Kaffee ein, dazu nehme ich einen Chokladboll, eine dieser kleinen süßen schwedischen Gemeinheiten.

Die Sonne scheint durch die großen Fenster hinein. Ich liebe es, im Regionalzug durch Schweden zu fahren. Die Triebwagen sind geräumig und bequemer als so mancher Fernzug. Und es ist so herrlich unaufgeregt. Auf der Toilette hat jemand zusätzlich zum verbauten Spender eine Handseife aufgestellt, die den Raum nach Milch und Honig duften lässt.

Seit 2021 rollen wieder Personenzüge auf der Haparandabahn. Betrieben werden sie von Norrtåg, das den Regionalverkehr in ganz Nordschweden abwickelt. Drei Zugpaare gibt es am Tag zwischen Luleå und Haparanda, auf dem letzten Teil befahren sie eine komplett neu gebaute Strecke.

Neubau im Nirgendwo

Draußen kämpfen Stromschnellen mit dem Eis, dann bremst der Zug. Kalix, eine Kleinstadt hinter den tausend Inselchen von Schwedens nördlichstem Schärengarten, ist der einzige Zwischenhalt der wiedereröffneten Strecke. Wir kommen an einer einsamen Betonplattform zum Stehen. Das Ehepaar hievt seine Koffer aus dem Zug. Niemand steigt zu.

Nun macht der Lokführer Tempo.

Wir haben die Neubaustrecke erreicht, ausgelegt für bis zu 250 Stundenkilometer. Nirgendwo in Nordeuropa kann man schneller fahren. Immerhin 200 schafft unser Triebwagen, wie eine Anzeige verkündet – und kommt dabei ganz schön ins Rattern. Haben wir uns eben noch durchs Hinterland gewunden, schneiden wir nun kerzengerade den Küstenstrich entlang.

Bahnsteig von Kalix aus unserem Zug
Bahnhof Kalix, niemand steigt zu

Als man vor zwanzig Jahren begann, die Haparandabahn auszubauen und ab Kalix sogar eine neue Trasse in den Wald zu schlagen, waren die Hoffnungen groß. Güterzüge sollten bis Sibirien rollen, mancher träumte gar von einer neuen Achse mit China. Personenverkehr war da ein willkommenes Nebenprodukt. In Brüssel sah man einen europäischen Korridor und gab Millionen.

Es kam anders. Putins Russland bombt sich zurück in die Vergangenheit, und so muss sich Schwedens modernste Bahnstrecke heute mit einer Handvoll Regionalbahnen begnügen. Gegen den Lauf der Geschichte lassen sich keine Schienen legen.

Wir tauchen ein ins Tornedal, benannt nach dem Fluss, auf dessen Eis ich vor Jahren schon einmal stand. Viele hundert Kilometer entfernt war das, mitten in Schwedisch-Lappland. Ein beißend kalter Tag, um mich herum weiße Unendlichkeit. Und dann ein Schild: „Finnland“. Tatsächlich kann man auf dem Torne, der sich seinen Weg von Norwegens Bergen zum Bottnischen Meer bahnt, bis zur Grenze fahren – auf Skiern oder mit dem Hundeschlitten.

An den Ufern fließen Sprachen und Kulturen ineinander. Auf der schwedischen Seite wird noch Meänkieli gesprochen, eine alte Form des Finnischen, was sich in vielen Ortsnamen zeigt. Die Sámi, die das Land zuerst besiedelten, kennen ohnehin keine Grenzen.

Jenseits des Flusses

Nach gut zwei Stunden Fahrt erreichen wir Haparanda. Der Bahnhof liegt etwas außerhalb und thront wie eine Burg auf dem Bahndamm. Unser Zug sieht ein wenig verloren davor aus. Ich verabschiede mich von der Schaffnerin und dem Lokführer, sie werden gleich wieder zurück nach Luleå fahren.

Bahnhof Haparanda mit unserem Zug
Innenaufnahme vom Bahnhof Haparanda
Der Bahnhof von Haparanda wirkt etwas überdimensioniert

Der riesige Backsteinbau wirkt wie ein Betriebsunfall der Geschichte. Dreißig Jahre lang stand er leer, nun ist er aufwendig saniert. Was fehlt, sind die Reisenden. Damit es nicht ganz so leer aussieht, hat man die Hallen mit Koffern und anderen Utensilien aus vergangenen Zeiten dekoriert. Dass Haparanda ein Grenzbahnhof ist, verrät nur das unscheinbare Gleis auf der anderen Seite des Empfangsgebäudes. Es ist ein Breitspurgleis, das hinüber ins finnische Tornio führt.

Als Lenin im April 1917 aus dem Zug stieg, erlebte Haparanda gerade eine kurze Blüte. Weil Finnland damals als Großfürstentum noch zum russischen Reich gehörte, war der kleine Grenzposten im Krieg zum Schlupfloch zwischen West und Ost geworden. Verwundete und Diplomaten wurden ausgetauscht, Tausende Postsendungen gingen täglich über den Torne-Fluss.

Weil die Brücke erst zwei Jahre später fertiggestellt wurde, ging es für Lenin und seine Begleiter mit Schlitten ans andere Ufer. Dort erwarteten sie stundenlange Verhöre, dann hatten sie es geschafft. Nach einer Woche auf Schienen.

Eisenbahnbrücke über den Torne Fluss
Eisenbahnbrücke zwischen Haparanda und Tornio

Etwas mehr als hundert Jahre später muss ich nur daran denken, meine Uhr umzustellen, denn Finnland ist eine Stunde voraus. Da schon seit Jahrzehnten kein Personenzug mehr über die Grenze gekommen ist, mache ich mich zu Fuß auf den Weg. Durch ein Wohngebiet erreiche ich die ikonische Eisenbahnbrücke, die einzige Schienenverbindung zwischen Schweden und Finnland. Auf ihr liegt ein Vierschienengleis, das kurze Stück zwischen Haparanda und Tornio lässt sich in beiden Spurweiten befahren.

Unter der Brücke zieht ein Langläufer einsam seine Kreise, auf der anderen Seite lugt die Kuppel einer Kirche zwischen den Bäumen hervor. Ich folge dem Ufer ins Zentrum.

Grenzgeschäfte

Haparanda ist mit Tornio zu einer Doppelstadt verwachsen. Einer Stadt, die in zwei Zeitzonen liegt. Inzwischen sorgt die Grenze für gute Geschäfte. Finnen kommen von weit her, um zu kaufen, was auf der anderen Seite gerade günstiger ist. Butter, Süßigkeiten, Wein. Berühmt ist die nördlichste Filiale einer schwedischen Möbelhauskette, auf deren Parkplatz auch norwegische Kennzeichen keine Seltenheit sind.

Hier befindet sich auch der internationale Busbahnhof von Haparanda-Tornio. Ich steige in den Bus nach Kemi, wo Anschluss an den finnischen Bahnverkehr besteht.

Wegweiser im Zentrum von Haparanda
In Haparanda fließen die Sprachen ineinander

Nach ein paar Metern rollen wir unbemerkt über die Grenze, dann über den Fluss. Von der Brücke erspähe ich einen anderen schönen Backsteinbau. Es ist der Bahnhof von Tornio. An ihm bietet sich dieser Tage ein skurriles Bild: Der Bahnsteig ist geräumt, die elektronischen Anzeigen laufen. Nur: Es gibt keine Züge.

Die Finnen haben die Bahnstrecke zwischen Kemi und Haparanda elektrifiziert. Grenzüberschreitender Zugverkehr wäre nun wieder möglich, doch an der Finanzierung hakt es.

Am Bahnhof erinnert eine Plakette auf Russisch und Finnisch an die berühmte Zugfahrt, deren letzte Etappe hier begann. Der Nachtzug brachte Lenin in den Süden, am nächsten Abend traf er im damaligen Petrograd ein – um die Revolution zu vollenden, die sein Land bald in Gewalt und Bürgerkrieg stürzen sollte. Welchen Lauf die Geschichte ohne das entlegene Gleis nach Haparanda genommen hätte? Wir werden es nie wissen.

Fest steht dafür: Nach langem Hin und Her konnte sich die finnische Regierung dazu durchringen, den Personenverkehr nach Haparanda zu fördern. Schon diesen Sommer könnten die ersten Züge von Oulu aus rollen, vielleicht eines Tages sogar von Helsinki. Es wäre ein gutes Signal. Und ein neues Kapitel für die Haparandabahn.

Wie finnische Medien berichten, plant Finnlands Staatsbahn den Zugverkehr nach Haparanda im Juni 2026 aufzunehmen. Noch sind allerdings letzte technische Details zu klären.


Praktische Tipps

Anreise

Aktuell fahren noch zwei Nachtzüge täglich von Stockholm nach Luleå, ab Mitte April endet einer davon jedoch schon vier Stunden weiter südlich in Umeå. Wer direkt nach Haparanda weiterreisen möchte, steigt am besten bereits in Boden um.

Der schnellste Weg nach Stockholm führt über Hamburg, Kopenhagen und Malmö. Entweder mit dem Nachtzug oder am Tag mit Umstieg an den genannten drei Orten. Seitdem der Fährverkehr zwischen Sassnitz und Trelleborg eingestellt wurde, ist es leider nicht mehr möglich, auf der Originalroute Lenins nach Schweden zu reisen.

Fahrplan

Zwischen Luleå und Haparanda verkehren täglich drei Zugpaare des Anbieters Norrtåg. Zum Einsatz kommen komfortable Triebzüge mit Bordkiosk. Vom Bahnhof Haparanda führt ein etwa 3 km langer Spaziergang zum internationalen Busbahnhof. Von hier fährt täglich ein Bus über die Grenze nach Kemi (Achtung, Uhr umstellen). Weitere Busse fahren vom Stadtzentrum von Tornio.

In Kemi besteht Anschluss an den finnischen Zugverkehr nach Rovaniemi sowie nach Oulu und weiter in Richtung Tampere, Helsinki und Turku. Alternative: Am Haltepunkt Tornio-Itäinen etwas abseits des Zentrums macht mehrmals pro Woche der Nachtzug Helsinki–Kolari Station.

Weiterlesen

Zur Vorbereitung auf diesen Text habe ich das Buch „Lenin on the Train“ der britischen Historikerin Catherine Merridale gelesen. Eine deutsche Übersetzung ist unter dem Titel „Lenins Zug“ erschienen. Das Buch ist spannend geschrieben, nutzt die Zugreise aber vor allem als erzählerische Klammer, um die Ereignisse rund um die russische Revolution darzustellen. Kenntnisse der Geschichte des frühen 20. Jahrhunderts sind von Vorteil.

Einen kurzen, gut lesbaren Abriss von Lenins Reise liefert Stefan Zweig in seinen „Sternstunden der Menschheit“. Den Text gibt es beim Projekt Gutenberg kostenlos online zu lesen.