3: Mit dem Zug zur Kultur und ein Ausblick

Europas Kulturhauptstädte, neue Liegewagen für den Nightjet und ein Ausblick auf das Eisenbahnjahr 2022. Frohes Neues mit der Zugpost.

3: Mit dem Zug zur Kultur und ein Ausblick
Foto: Unsplash / Tadas Petrokas

Hallo Zugfans 👋

Willkommen zur ersten Zugpost in 2022. Auch wenn das Eisenbahnjahr bekanntlich schon im Dezember begann, hoffe ich, ihr habt auch den Wechsel ins „weltliche“ neue Jahr gut überstanden.

In dieser Ausgabe werfen wir einen Blick auf Europas Kulturhauptstädte 2022. Genauer gesagt, wie sie mit dem Zug zu erreichen sind, und warum das in zwei von drei Fällen gar nicht so einfach ist. Außerdem: Neue Liegewagen für den Nightjet, ein kleiner Einblick in den finnischen Bahnverkehr und ein Ausblick auf die wichtigsten Eisenbahntermine des Jahres.

Viel Spaß beim Lesen wünscht

Sebastian


Europas Kulturhauptstädte 2022 mit dem Zug

Ein neues Jahr, das heißt auch: Europa begrüßt seine neuen Kulturhauptstädte. Für 2022 fiel die Wahl auf Esch-sur-Alzette in Luxemburg, Kaunas in Litauen und Novi Sad in Serbien. Drei Städte, die vielleicht weniger bekannt sind als die Hauptstädte ihrer Länder, aber definitiv einen Besuch wert. Wie sieht es also aus in Sachen Erreichbarkeit mit dem Zug?

Einfach macht es uns Esch-sur-Alzette. Das ehemalige Zentrum der Stahlindustrie im Süden des Landes ist nicht nur mehrmals in der Stunde mit Luxemburg-Stadt verbunden, das Zugfahren im Großherzogtum ist obendrein seit 2020 auch noch kostenlos. Luxemburg selbst ist von Westdeutschland aus in einem Tagesausflug zu erreichen, zum Beispiel mit dem RE ab Koblenz oder dem direkten IC ab Düsseldorf und Köln. Etwas länger ist der Weg von Österreich (Nightjet ab Wien und Innsbruck) und der Schweiz (mit französischen Zügen über Mulhouse).

Kopfzerbrechen bereitet hingegen Kaunas. Litauens „heimliche Hauptstadt“ hat zwar eigentlich eine internationale Zugverbindung ins polnische Białystok, wegen Corona ist der Personenverkehr allerdings zur Zeit eingestellt. Wann es zur Wiederaufnahme kommt, ist nicht bekannt. So bleibt im Moment nur die Anreise mit dem Bus, zum Beispiel ab dem polnischen Grenzort Suwałki, oder mit der Fähre ab Kiel, Travemünde oder Rostock nach Klaipeda.

Ebenfalls problematisch ist die Zugreise nach Novi Sad. Serbiens zweitgrößte Stadt liegt zwar an der bedeutenden Bahnstrecke Budapest–Belgrad. Diese wird aber gerade im großen Stil saniert, der durchgängige Zugverkehr von Ungarn nach Novi Sad und weiter Richtung Belgrad ist unterbrochen. Es heißt sich also mit Regionalzügen nach Kelebia und weiter über die Grenze nach Subotica durchzuschlagen. Von dort geht es dann mit dem Bus weiter. Eine Alternative gibt es vielleicht ab Frühjahr: Sollte dann wie geplant der südliche Streckenabschnitt Belgrad–Novi Sad eröffnet werden, könnte sich eine Anreise über Zagreb und Belgrad lohnen.

Alle Tipps zur Anreise ausführlich nachlesen könnt ihr im neuesten Artikel auf Train Tracks. Darin erfahrt ihr auch mehr darüber, warum sich die Reise in die Kulturhauptstädte lohnt und was es dort für Zugfans zu entdecken gibt.


Neue Liegewagen für den Nightjet

Die komplett neuen Nightjet-Züge gehen zwar erst ab Ende des Jahres in Betrieb, einen Vorgeschmack auf den Nachtzug der neuen Generation bieten die ÖBB aber schon jetzt. Und zwar mit dem „Liegewagen comfort“. Die modernen Multifunktions-Liegewagen wurden aus Sitzwagen umgebaut und sind seit Fahrplanwechsel auf einigen Nightjet-Verbindungen unterwegs.

Dass das Update gelungen ist, zeigt dieser Twitter-Thread eindrücklich. Die neuen Liegewagen bestechen durch modernes Design, geschickte Raumaufteilung und moderne Annehmlichkeiten wie Schlüsselkarten, WLAN und USB-Steckdosen. Auch Stellplätze für Fahrräder fehlen nicht. Einzig die helle Beleuchtung, auch im Nachtbetrieb, scheint gewöhnungsbedürftig zu sein.

Bis zum Sommer sollen alle 22 Wagen fertiggestellt und in Österreich, Deutschland, der Schweiz und den Niederlanden unterwegs sein. Die neuen Wagen lassen sich im ÖBB Ticketshop als „Privatabteil Liegewagen comfort“ buchen. Die Buchung einzelner Plätze ist ebenfalls möglich.


Finnland: Hoffnung auf bessere Zugverbindungen

Stellt euch folgendes Szenario vor: Eine Stadt mit knapp 200.000 Einwohnern. Universitätsstandort und Bischofssitz. Einst Hauptstadt, heute Zentrum des drittgrößten Ballungsraums des Landes. Es gibt zwar zwei Fernzugstrecken in nächstgrößere Städte und eine Fährlinie ins Nachbarland, aber sonst: nichts. Kein Nahverkehr, kein Regionalverkehr. Kein einziger Zug.

Gibts nicht?

Doch, das gibts, und zwar in Turku.

Da ich die Stadt im Südwesten von Finnland gegenwärtig meine Heimat nennen darf, möchte ich noch ergänzen: sie ist wunderschön, lebenswert und immer eine Reise wert. Aber die Sache mit dem Nahverkehr… Das ist schon einigermaßen verblüffend, besonders mit mitteleuropäischen Augen betrachtet. Sieht man von Helsinki einmal ab, ist das übrigens keine Ausnahme in Finnland. So großartig die finnische Bahn im Fernverkehr ist – nicht zuletzt betreibt sie Europas vielleicht beste Nachtzüge – so düster sieht es in den Regionen aus.

Nun aber scheint Bewegung in die Sache zu kommen.

Wie der Finnische Rundfunk Yle berichtet, plant ein noch anonymer privater Anbieter, innerhalb von zwei Jahren den Zugverkehr auf den Strecken Turku–Uusikaupunki und Rauma–Kokemäki aufzunehmen. Es wäre eine kleines Eisenbahnsensation, und zwar im doppelten Sinne: nicht nur die Wiederentdeckung des Nahverkehrs in Südwestfinnland, sondern das erste Mal, dass ein privater Akteur im finnischen Personenverkehr aktiv wird. Das Rollmaterial soll von der staatlichen VR übernommen werden, ansonsten ist über die Details noch wenig bekannt.

Und noch eine positive Meldung gab es zuletzt für Turku. So hat das Projekt „Stundenzug“ (Tunnin juna) eine wichtige Hürde genommen und geht in die nächste Planungsphase. Ziel ist es, die Fahrzeit zwischen Turku und Helsinki von heute zwei Stunden auf künftig nur noch eine Stunde zu drücken. Es gilt als eines der wichtigsten Infrastrukturprojekte Finnlands.


EU-Aktionsplan: „Back on Track“ fordert Nachbesserungen

Wie in der letzten Zugpost berichtet, hat die Europäische Union einen Aktionsplan zur Stärkung des Eisenbahnverkehrs in Europa vorgelegt. In Brüssel sorgt man sich, dass das Potential der Bahn beim der dringend nötigen Verkehrswende unerschöpft bleiben könnte – nicht zuletzt wegen fehlender Standards im europäischen Bahnverkehr.

Wenig zufrieden mit den Plänen der EU zeigt sich das Netzwerk „Back on Track“, das sich neben den grenzüberschreitenden Zugverkehr vor allem für Nachtzüge einsetzt. Grundsätzlich sei es zwar zu begrüßen, dass sich die EU des Themas annehme, heißt es, der Aktionsplan sei aber nicht ambitioniert genug. In einem Papier fordert Back on Track darum Nachbesserungen. Insbesondere wird bemängelt, dass die EU an vielen Stellen zu unkonkret bleibt, beispielsweise beim Zeitplan oder einer fairen Höhe der Trassenpreise. Ebenfalls gefordert wird die Aufnahme einiger Punkte, die sich speziell auf die Anforderungen von Nachtzügen beziehen.

Das Papier mit insgesamt 10 Forderungen ist in englischer Sprache auf der Website von Back on Track verfügbar. Back on Track ist ein Zusammenschluss von Aktivist:innen aus ganz Europa und veranstaltet unter anderem regelmäßig Konferenzen und Web-Seminare zum Thema Nachtzug.


Jahresvorschau 2022

Über den Jahreswechsel war die Nachrichtenlage rund um das Thema Eisenbahn naturgemäß eher ruhig. Darum gibt es statt der Kurzstrecke zum Schluss einen Ausblick auf ausgewählte Bahntermine im Jahr 2022.

1. Februar 2022

Das Land Berlin veranstaltet eine virtuelle Nachtzug-Konferenz. Unter dem Motto Nachtzugnetz 2030+ sollen Berlins Chancen als Nachtzug-Hub der Zukunft erörtert werden. Als Sprecher angekündigt sind unter anderem Jon Worth von der Initiative Trains For Europe sowie Elmer van Buuren, einer der Gründer von European Sleeper.

23. Februar 2022

EU-Symposium zur Wiederbelebung von Nachtzügen in Paris. Anlass ist die französische Ratspräsidentschaft. Es wird davon ausgegangen, dass Frankreichs Verkehrsminister Djebbari mehr zum geplanten Ausbau des französischen Nachtzugnetzes verrät. Ende letzten Jahres wurde bekannt, dass Frankreich 300 neue Schlaf- und Liegewagen beschaffen will.

1. März 2022

Europa feiert 50 Jahre Interrail! An diesem Tag ist es genau ein halbes Jahrhundert her, dass die „Flatrate“ für Europa-Entdecker erstmals verkauft wurde. Eigentlich nur geschaffen, um Züge in der reiseschwachen Zeit zu füllen, wurde Interrail bald zum Lebensgefühl einer Generation. Schon lange gilt das nicht mehr nur für Jugendliche – im vielfältigen Angebot von Interrail findet heute jede:r das richtige Ticket.

31. März 2022

Der finnisch-russische Film „Abteil Nr. 6“ (Originaltitel „Hytti nro 6“) kommt in die deutschen Kinos (Deutschschweiz: 3. März, Österreich: 1. April). Darin erzählt Regisseur Juho Kuosmanen von einer ungleichen Begegnung im Nachtzug nach Murmansk. Wunderbar eingefangen und mit viel Herz, nicht nur für die Eisenbahn. Der Zugfilm des Jahres, unbedingt anschauen!

1. Mai 2022

Saisonstart beim Alpen-Sylt-Nachtexpress. In diesem Jahr ist der private Nachtzug neben seiner „klassischen“ Route Salzburg–Westerland auch auf einem neuen Streckenast ab Lörrach über Basel, Freiburg, Karlsruhe und Mannheim unterwegs. Die Züge verkehren bis zum 16. Oktober 2022 an jedem Wochenende.

12. Juni 2022

Kleiner Fahrplanwechsel in Europa. Traditionell sind es vor allem Details, die beim Übergang auf den Sommer-Fahrplan angepasst werden. Diesmal ist aber auch eine neue Nachtzug-Relation dabei: Der Nightjet Berlin–Wien wird bis Graz verlängert und schafft so eine neue Direktverbindung in die Steiermark. Der Sommer-Fahrplan gilt bis zum 10. Dezember 2022.

27. Juni 2022

Nachtzug-Premiere im Norden: Der erste „SJ EuroNight“ macht sich auf den Weg von Hamburg nach Stockholm. Die Jungfernfahrt ab Stockholm findet bereits einen Tag zuvor statt. Der neue Nachtzug wird künftig montags bis freitags ab Hamburg-Altona über Padborg, Kopenhagen und Malmö in die skandinavische Metropole verkehren.

20. September 2022

Die InnoTrans 2022 öffnet ihre Tore in Berlin. Auf der internationalen Leitmesse für Bahn- und Verkehrstechnik werden nach vier Jahren Pause wieder viele neue Schienenfahrzeuge vorgestellt. Die Messe dauert bis zum 23. September 2022 und richtet sich an Fachbesucher:innen.

11. Dezember 2022


Fahrplan-Neujahr! Der Jahresfahrplan für 2023 tritt in Kraft. In Österreich gehen die ersten neuen Nightjet-Züge in Betrieb, Regiojet plant einen Nachtzug von Berlin nach Zagreb, und auch sonst wird es wieder viele große und kleine Neuerungen auf Europas Gleisen geben.